Johann Wolfgang Goethe

 

Theilnahme Goethe's an Manzoni

[Auszug]

 

Text
Editionsbericht
Literatur

 

Adelchi, Tragedia. Milano 1822.

 


 

Diese Tragödie, welche wir nun auch im Original dem deutschen Publicum vorlegen, wird sonach von den Freunden der italiänischen Literatur näher gekannt und beurtheilt werden; wir unterlassen deßhalb die Entwicklung des Plans, welche wir vor Jahren bey Einführung des Grafen Carmagnola für nöthig erachtet, und beziehen uns auf die Analyse dieses Stücks, welche Herr Fauriel seiner französischen Uebersetzung beygefügt hat. Sie wird allen Freunden einer sinnigen, entwickelnden, fördernden Kritik auf jede Weise willkommen seyn. Wir ergreifen jedoch die Gelegenheit auszusprechen: wie uns eben diese Tragödie die früher von Herrn Manzoni gefaßte gute Meinung noch mehr zu begründen und seine Verdienste in weiterem Umfang zu übersehen den Anlaß gegeben hat.

Alexander Manzoni hat sich einen ehrenvollen Platz unter den Dichtern neuerer Zeit erworben; sein schönes wahrhaft poetisches Talent beruht auf reinem humanem Sinn und Gefühl. Und wie er nun was das Innere seiner dargestellten Personen betrifft, vollkommen wahr und mit sich selbst in Uebereinstimmung bleibt, so findet er auch unerläßlich, daß das historische Element, in welchem er [XLI] dichterisch wirkt und handelt, gleichfalls untadelhaft Wahres, durch Documente Bestätigtes, Unwidersprechliches enthalte. Seine Bemühung muß also dahin gehen das sittlich ästhetisch Geforderte mit dem wirklich unausweichlich Gegebenen völlig in Einklang zu bringen.

Nach unserer Ansicht hat er dieß nun vollkommen geleistet, indem wir ihm zugeben was man anderwärts wohl zu tadlen gefunden hat, daß er nämlich Personen aus einer halbbarbarischen Zeit mit solchen zarten Gesinnungen und Gefühlen ausgestattet habe, welche nur die höhere religiöse und sittliche Bildung unserer Zeit hervorzubringen fähig ist.

Wir sprechen zu seiner Rechtfertigung das vielleicht paradox scheinende Wort aus: daß alle Poesie eigentlich in Anachronismen verkehre; alle Vergangenheit die wir heraufrufen, um sie nach unsrer Weise den Mitlebenden vorzutragen, muß eine höhere Bildung als es hatte dem Alterthümlichen zugestehen; der Poet mag hierüber mit seinem Gewissen übereinkommen, der Leser aber muß gefällig durch die Finger blicken. Die Ilias wie die Odyssee, die sämmtlichen Tragiker und was uns von wahrer Poesie übrig geblieben ist, lebt und athmet nur in Anachronismen. Allen Zuständen borgt man das Neuere, um sie anschaulich, ja nur erträglich zu machen, so wie wir ja auch in der letzten Zeit mit dem Mittelalter verfuhren, dessen Maske wir viel zu sehr bis in Kunst und Leben herein als wirklich gelten ließen.

[XLII] Hätte sich Manzoni früher von diesem unveräußerlichen Recht des Dichters, die Mythologie nach Belieben umzubilden, die Geschichte in Mythologie zu verwandeln, überzeugt gehabt, so hätte er sich die große Mühe nicht gegeben, wodurch er seiner Dichtung unwidersprechliche historische Denkmale bis ins Einzelne unterzulegen getrachtet hat.

Da er aber dieses zu thun durch seinen eignen Geist und sein bestimmtes Naturell geführt und genöthigt worden, so entspringt daraus eine Dichtart in der er wohl Einzig genannt werden kann; es entstehen Werke die ihm Niemand nachmachen wird.

Denn durch die entschiedenen Studien die er jener Zeit widmete, durch die Bemühungen womit er die Zustände des Pabstes und seiner Lateiner, der Langobarden und ihrer Könige, Carls des Großen und seiner Franken, sodann das Gegeneinanderwirken dieser ganz verschiedenen ursprünglich einander widersprechenden, durch weltgeschichtliche Ereignisse zusammen- und zwischen einander gewürfelten Elemente sich zu verdeutlichen, vor seinem Urtheil zu vergewissern trachtete, gewann seine Einbildungskraft einen überreichen Stoff und durchaus ein so festes Anhalten, daß man wohl sagen darf, keine Zeile sey leer, kein Zug unbestimmt, kein Schritt zufällig oder durch irgend eine secundäre Nothwendigkeit bestimmt. Genug, er hat in dieser Art etwas Willkommenes und Seltenes geleistet, man muß ihm danken für alles was er gebracht hat, auch wie er's gebracht hat, weil man dergleichen Gehalt und Form wohl niemals hätte fordern können.

[XLIII] Wir könnten in der Entwickelung des Vorgesagten noch auf mannigfaltige Weise fortfahren, aber es sey genug den denkenden Leser hierauf aufmerksam gemacht zu haben. Nur Eins bemerken wir, daß diese genaue historische Vergegenwärtigung, ihm besonders in den lyrischen Stellen, seinem eigentlichen Erbtheil, vorzüglich zu Statten kommt.

Die höchste Lyrik ist entschieden historisch; man versuche die mythologisch-geschichtlichen Elemente von Pindars Oden abzusondern, und man wird finden daß man ihnen durchaus das innere Leben abschneidet.

Die modernere Lyrik neigt sich immer zum Elegischen hin, sie beklagt sich über Mangel, damit man den Mangel nicht spüre. Warum verzweifelt Horaz den Pindar nachzuahmen? Nachzuahmen ist er freylich nicht, aber ein wahrhafter Dichter, der so viel zu rühmen und zu loben fände wie er, der sich mit froher Gesinnung bey Stammbäumen aufhalten und den Glanz so vieler wetteifernden Städte rühmen könnte, würde ganz ohne Frage eben so gute Gedichte hervorzubringen vermögen.

Wie im Grafen Carmagnola der Chor, indem er die vorhergehende Schlacht schildert, in gränzenloses Detail vertieft sich doch nicht verwirrt, mitten in einer unaussprechlichen Unordnung doch noch Worte und Ausdrücke findet, um Klarheit über das Getümmel zu verbreiten und das Wildeinherstürmende faßlich zu machen: so sind die beiden Chöre die das Trauerspiel Adelchi beleben, gleichfalls wirksam, um das Unübersehbare vergangener und au[XLIV]genblicklicher Zustände dem Blick des Geistes vorzuführen. Der Beginn der ersten aber ist so eigen lyrisch, daß er Anfangs fast abstrus erscheint. Wir müssen uns das Langobardische Heer geschlagen und zerstreut denken; eine Bewegung, ein Rumor verbreitet sich in die einsamsten Gebirgsgegenden, wo die vormals überwundenen Lateiner, Sclaven gleich, das Feld bauen und sonst mühseliges Gewerb treiben. Sie sehen ihre stolzen Herren, die Glieder aller bisher Gewalt habenden Familien flüchtig, zweifeln aber ob sie sich deßhalb freuen sollen; auch spricht ihnen der Dichter jede Hoffnung ab: unter den neuen Herren werden sie sich keines bessern Zustandes zu erfreuen haben.

Jetzt aber, ehe wir uns zu dem zweyten Chore wenden, erinnern wir an eine Betrachtung, die in den Noten und Abhandlungen, zu besserm Verständniß des westöstlichen Divans <S. 381>. der ersten Ausgabe, mit Wenigem angedeutet worden: daß nämlich das Geschäft der lyrischen Poesie von dem der epischen und dramatischen völlig verschieden sey. Denn diese machen sich zur Pflicht, entweder erzählend oder darstellend, den Verlauf einer gewissen bedeutenden Handlung dem Hörer und Schauer vorzuführen, so daß er wenig oder gar nicht dabey mitzuwirken, sondern sich nur lebhaft aufnehmend zu verhalten habe. Der lyrische Dichter dagegen soll irgend einen Gegenstand, einen Zustand oder auch einen Hergang irgend eines bedeutenden Ereignisses dergestalt vortragen, daß der Hörer vollkommen Antheil daran nehme [XLV] und, verstrickt durch einen solchen Vortrag, sich wie in einem Netze gefangen unmittelbar theilnehmend fühle. Und in diesem Sinne dürfen wir wohl die Lyrik die höchste Rhetorik nennen, die aber wegen der in Einem Dichter kaum sich zusammen findenden Eigenschaften höchst selten in dem Gebiete der Aesthetik hervortritt. Es schwebt uns kein Moderner vor, der diese Eigenschaften in so hohem Grade besessen als Manzoni. Diese Behandlungsweise ist seinem Naturell gemäß, eben so wie er sich zugleich als Dramatiker und Historiker ausgebildet hat. Diese auch hier nur vorübergehend ausgesprochenen Gedanken würden freylich erst im Gefolg des zusammenhängenden Vortrags einer wahren Haupt- und Grundschule der Aesthetik, in ihrem völligen Werth erscheinen, welchem zu genügen uns vielleicht so wenig als andern vergönnt seyn wird.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Opere poetichi di Alessandro Manzoni con prefazione di Goethe.
Jena: Federico Frommann 1827, S. V-L.

Unser Auszug: S. XL-XLV.

URL: https://archive.org/details/bub_gb_YJLUZi2xSlcC
URL: https://books.google.fr/books?id=CShLAAAAcAAJ&
PURL: http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10756639-6

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Kommentierte Ausgaben

 

 

 

Literatur

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Kaufmann, Sebastian: "Schöpft des Dichters reine Hand ...". Studien zu Goethes poetologischer Lyrik. Heidelberg 2011 (= Beiträge zur neueren Literaturgeschichte, 291).

Lamping, Dieter: Die Idee der Weltliteratur. Ein Konzept Goethes und seine Karriere. Stuttgart 2010.

Lamping, Dieter: Literaturkritik im Geist der Weltliteratur. Der alte Goethe als Rezensent. In: Transformationen literarischer Kommunikation. Kritik, Emotionalisierung und Medien vom 18. Jahrhundert bis heute. Hrsg. von Jörg Schuster u.a. Berlin 2017, S. 55-66.

Martus, Steffen u.a. (Hrsg.): Lyrik im 19. Jahrhundert. Gattungspoetik als Reflexionsmedium der Kultur. Bern u.a. 2005 (= Publikationen zur Zeitschrift für Germanistik, 11).

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Meier, Albert: Art. Lyrisch-episch-dramatisch. In: Ästhetische Grundbegriffe. Bd. 3. Stuttgart u.a. 2001, S. 709-723.

Michler, Werner: Kulturen der Gattung. Poetik im Kontext, 1750 – 1950. Göttingen 2015.

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Rüdiger, Horst: Teilnahme Goethes an Manzoni. In: Arcadia 8.2 (1973), S. 121-137.

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Trappen, Stefan: Gattungspoetik. Studien zur Poetik des 16. bis 19. Jahrhunderts und zur Geschichte der triadischen Gattungslehre. Heidelberg 2001 (= Beihefte zum Euphorion, 40).

Vangi, Michele: 'Wie in einem Spiegel'. Goethes 'Teilnahme' an der Mailänder Literatur. In: Triangulum 21 (2015), S. 309-317.

Venturelli, Aldo: Der Dichter und der Historiker. Über Goethes Verhältnis zu Manzoni. In: Studi germanici 11 (2017), S. 51-72.

Zymner, Rüdiger (Hrsg.): Handbuch Gattungstheorie. Stuttgart u.a. 2010.

 

 

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