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Die Ode – die Elegie – das Lied – das Lehrgedicht – die Fabel etc.
Dieses Programm muß zwar nicht zu kurz ausfallen – wie in der ersten Auflage, wo es gar fehlte –
aber doch kurz; es ist wenig darin mit wenigen Worten zu sagen, was nicht schon früher
mit vielen wäre gesagt worden. Im frühern Auslassen der ganzen lyrischen Abtheilung hatt'
ich einen alten, wenn auch nicht guten Vorgänger an
Eschenburg
*)
welcher gleichfalls nur alles in
Dra[590]ma und in Epos eintheilt, und in das letztere die ganze
lyrische Heerde, die Ode, die Elegie und noch Satiren, Allegorien, und Sinngedichte einlagert.
Er gewann sich nämlich an der Person des Dichters selber einen Markstein und eine
Hermessäule einer leichten Abgränzung aller Dichtarten, jenseits und diesseits:
spricht der Dichter selber, dann wirds, sagt er, Epos et compagnie, z.B. Elegie;
läßt er andere sprechen, so ist das Drama da. Man könnte so den Dichter in Rücksicht
seiner geschaffnen Welt, wie sonst streitende Weltweise Gott in Rücksicht der seinigen,
bald extramundan (außerweltlich), bald intramundan (innerweltlich) betrachten. – –
Gibt es dann aber eine flüßigere Abtheilung und Abscheidung mitten auf dem poetischen
Meere? Denn, weder die Einmengung, noch die Versteckung des Dichters entscheidet
zwischen zwei Formen des Gedichts; der sich sprechend einführende Dichter ist so gut
und
[591] nicht schlechter, und ein Glied des ganzen Gedichts, als jeder andere Sprecher; er
selber muß sich darin verwandeln und verklären, wie jeder andere Mensch, und aus der
Asche seiner Individualität den poetischen Phönix wecken. Der Maler wird zum Gemälde,
der Schöpfer zu seinem Geschöpfe. – – Wie leicht wären, falls nur die Kleinigkeiten
des Sprechens und des Sprechenlassens abtheilten, Formen in Formen einzuschmelzen
und derselbe Dithyrambus würde z.B. bald episch, wenn der Dichter vorher sagte und
sänge, er wolle einen fremden singen, bald lyrisch durch die Worte, er wolle seinen
eignen singen, bald dramatisch, wenn er ihn ohne ein Wort von sich in ein tragisches
Selbstgespräch einschöbe. Aber bloße Förmlichkeiten sind – in der Poesie wenigstens –
keine Formen.
Das Epos stellt die Begebenheit, die sich aus der Vergangenheit entwickelt, das
Drama die Handlung, welche
[592] sich für und gegen die Zukunft ausdehnt, die Lyra die Empfindung
dar, welche sich in die Gegenwart einschließt. Die Lyra geht, da Empfindung überhaupt die
Mutter und der Zunderfunke aller Dichtung ist, eigentlich allen Dichtformen voraus, als
das gestaltlose Prometheus-Feuer, welches Gestalten gliedert und belebt. Wirkt dieses
lyrische Feuer allein, außerhalb den beiden Formen oder Körpern, Epos und Drama, so
nimmt die freifliegende Flamme, wie jede körperliche, keine umschriebene feste Gestalt
an, sondern lodert, und flattert als Ode, Dithyrambus, Elegie. Sie dringt ins Drama als
Chor, zuweilen als Selbstgespräch, als Dithyrambus in Weh und Lust, obwol immer nur als
abhängiges Mittelglied, nicht sich allein aussprechend, sondern dem Ganzen nachsprechend.
Es wäre möglich, durch ein Drama eine Bergkette von hohen Oden gehen zu lassen. Die
Vergangenheit im Epos mildert
[593] jeden lyrischen Sturm, und leidet schwer die erzählende
Einwebung eines Chors, Dithyrambus u.s.w.
In der eigentlichen lyrischen Dichtkunst waltet die Begebenheit nur als Gegenwart, und
die Zukunft nur als Empfindung. Die Empfindung wird sich allein und unabhängig darstellen,
ohne etwan wie im Epos, alle ihre Eltern, oder wie im Drama ihre Kinder zu malen. Der
verschlungene Plan der Ode ist daher keine verlarvte Larve einer kleinen epischen Begebenheit;
die geschichtlichen Einwebungen sind nur Ausbrüche des lyrischen Feuergußes, welcher
überrinnend nach allen Seiten des Berges abläuft. Die Empfindung fliegt ohne alle
historische Weg-Linie zwischen Ende, Anfang und Mitte umher, nur von ihrer Ueberspannung
und Ermattung wechselnd getrieben; daher sie z.B. vielleicht am Ende einer Ode von ihrem
geschichtlichen Anfange an noch stärker ergriffen seyn kann,
[594] als anfangs derselben. Ja die
Empfindung darf sich kühn hinstellen, im Verlaß auf die Gemeinschaftlichkeit aller Herzen,
ohne ein eingewebtes Wort Begebenheit; z.B. eine Ode über Gott, Tod etc.; der Dichter
besingt nur eine alte feste Geschichte in der Menschenbrust. Uebrigens wird, könnte man
noch sagen, das Geschichtliche im Epos erzählt, im Drama vorausgesehen und gewirkt,
in der Lyrik empfunden oder erlebt.
Wird die Empfindung, wie eigentlich seyn soll, für das Gemeinschaftliche, für den
Blutumlauf aller Dichtkunst angesehen: so sind die lyrischen Arten nur abgerissene,
für sich fortlebende Glieder der beiden poetischen Riesenleiber, insofern die Dichtkunst
ein Doppeladler oder eine Apollons Sonne im Zwilling ist. Mithin wäre die Ode, der
Dithyrambus, die Elegie, das Sonnet, nur als ein Unisono aus der harmonischen Tonleiter
des Drama ausgehoben, und für sich
be[595]lebt. Eben so sind die Romanze, das Mährchen, die
Ballade, die Legende etc. nur ein Tongang aus der Fuge des Epos. Freilich der Kunst
selber wird mit solchen immer enger einlaufenden Abtheilungen, welche sich blos nach der
poetischen, so unwesentlichen Verschiedenheit der Gegenstände und der Zeilen-Räume regeln,
nicht hoch aufgeholfen; indeß wollen wir aus den beiden großen Flügeln, dem Epos und dem
Drama, noch einige Federn ziehen und nachsehen, ob sie dem linken oder dem rechten gehören,
nicht so wol des Nutzens oder der Lehre und Wahrheit wegen, als weil es zu sehr um
Vollständigkeit eines ästhetischen Lehrbuchs zu thun ist.
So müssen wir z.B. sogleich in der Nähe das sogenannte beschreibende Gedicht aus der
lyrischen Gattung stoßen, in die epische hinein, so seltsam das Urtheil erscheine, da wir
später das Lehrgedicht in
[596] die lyrische bringen. Das Beschreibgedicht, z.B. Thomsons,
Kleists etc. stellt ein Theilchen Schauplatz dar, ein bowling green der großen epischen
Landschaft nur ohne die Spieler. Es ist das poetische Stillleben. In ihm handelt die Bühne
und die Personen sind der Schauplatz.
Das Lehrgedicht gehört in die lyrische Abtheilung. Diese Absonderung darf wohl befremden,
weil man dem sinnlichen Landschaftgedichte weit mehr Wärme zutrauet, als dem unsinnlichen
Lehrgedicht. Aber das Beschreib-Gedicht hat als solches nur mit der epischen körperlichen
Fläche zu thun, welche an und für sich dasteht, ausläuft, und weit blüht. Das Lehrgedicht
läßt auf innere geistige Gegenstände den Brennpunkt der Empfindung fallen, und in diesem
leuchten und brennen sie; und dieses so sehr, daß der flammende Pindar ganze Reihen kalter
Lehrsätze zu seinem korinthischen Erz einschmilzt.
[597] Reflexionen oder Kenntnisse werden nicht an sich zur Lehre, sondern für das Herz zur Einheit der Empfindung gereiht, und als eine mit Blumenketten umwickelte Frucht dargeboten, z.B. von Young, Haller, Pope, Lukrez. In der Dichtkunst ist jeder Gedanke der Nachbar eines Gefühls, und jede Gehirnkammer stößt an eine Herzkammer. Ohne dieß wäre ja eine Philosophie wie z.B. die platonische ein Lehrgedicht. Zuweilen liegen die Gegenstände des Lehrgedichts dieses prosaischen Chors, weiter vom Herzen als vom Gehirne ab, z.B. Horazens und Popens Lehrgedicht der Aesthetik. Virgils Georgika und die sogenannten Episteln sind schweifendes Gränzwildpret der beschreibenden und der lehrenden Dichtkunst. Wohin die Lehrdichtereien von de Lille gehören, ist wol jedem gleichgültig, der sie nicht lieset.
Da in der Fabel nicht die Moral der Geschichte wegen gemacht wird, sondern die
[598] Geschichte
für jene nur der Boden ist: – so gehört sie, so breit auch der geschichtliche Boden eines
kleinen Samenkorns ist, doch nicht dem epischen an, sondern dem lehrenden Gedichte
eines – Gedankens.
Das Sinngedicht – oder wie die deutschen Alten, z.B. Gryphius, besser sagten, das
Beigedicht – kann, wenn es ein griechisches ist, welches eine Empfindung ausspricht,
schon in die ersten lyrischen Fachwerke geordnet werden; in so ferne es aber als ein
römisches oder neueres sich zu einem bloßen Stechgedanken zuspitzt, wird es in die
fernern Unterabtheilungen, nämlich in das Lehrgedicht, als ein verkleinertes Lehrgedichtchen fallen.
Zuletzt sind noch richtig-eingefacht unterzubringen das Räthsel, desgleichen die Charade,
sammt ihren Absenkern und Wasserreisern den Logogryphen, Anagrammen u.s.w. Ich glaubte
von jeher am wenigsten
[599] willkührlich zu verfahren, wenn ich sie alle als Mittelwesen und
Mittelsalze (wie die Epistel, nur aber verkleinerter) auf die Gränze zwischen
Beschreib- und Belehr-Gedicht aussetzte.
Noch weiter ins Kleinere abzutheilen und zu zerfasern, möchte wohl mehr angenehmer
Zeitvertreib für den scharfsinnigen Kunstrichter, als nützliche Kunstlehre für den
ausübenden Dichter gewähren; ich wünschte daher nicht, daß mir Mangel an System
vorgeworfen würde, wenn ich wenigsilbige, mikroskopische Gedichte nur flüchtig berühre,
als da sind z.B. ein bloßes Wehe! Ach! – (es würde zur Elegie, diesem Bruchstück des
Trauerspiels gehören) – oder ein bloßes Heisa! Juchheh! –
(offenbar der verkürzte Dithyrambus).
Nur eine Nebenbemerkung bei diesen Kurzgedichten! Die Griechen sind weit reicher an Schmerzrufen, diese Miniatur-Elegien, als [600] wir Neuern, gleichsam zum Zeichen ihrer tragischen Meisterschaft. Die Ausrufungen der Franzosen sind meistens kürzer als unsere: ah (wir: ach!) – fi (wir: pfui, die Kurzsatire) – aie (au weh!) – parbleu (potztausend!) – hélas (leider!); wieder ein Beispiel, daß sie sogar in diesen kleinsten Kunstwerken nicht so unendlich weit und breit sind, wie wir in allen.
Nun noch als die ordentlich kürzesten Gedichtformen gar Frag- und Ausrufzeichen anzuführen und die einfachen, doppelten etc. zu klassifizieren, wäre wol in jedem Falle nur ein Scherz und wahrhaft überflüßig. Schon durch das Vorige hofft der Verfasser der Vorschule hinlänglich dem Vorwurf systematischer Lücken begegnet zu haben, der ihm allerdings zu machen war.
[Die Anmerkung steht als Fußnote auf S. 589]
*) Dessen Entwurf einer Theorie und Literatur der schönen Wissenschaft.
Neue, umgearbeitete Ausgabe 1789.
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Erstdruck und Druckvorlage
Jean Paul: Vorschule der Aesthetik
nebst einigen Vorlesungen in Leipzig über die Parteien der Zeit.
Zweite, verbesserte und vermehrte Auflage.
Zweite Abtheilung. Stuttgart u. Tübingen: Cotta 1813, S. 589-600.
URL: https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10922041
URL: https://archive.org/details/vorschulederaes01paulgoog
PURL: https://hdl.handle.net/2027/nyp.33433081904413
Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck
(Editionsrichtlinien).
Kommentierte und kritische Ausgaben
Werkverzeichnis
Verzeichnis
Berend, Eduard: Jean-Paul-Bibliographie.
Neu bearb. u. erg. von Johannes Krogoll.
Stuttgart: Klett 1963 (= Veröffentlichungen der Deutschen Schillergesellschaft, 26).
Paul, Jean: Vorschule der Aesthetik.
Erste Abtheilung. Hamburg: Perthes 1804.
URL: https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10922037
PURL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:061:1-495020
URL: https://archive.org/details/vorschulederaest01jean
PURL: https://hdl.handle.net/2027/gri.ark:/13960/t4th96g6k
Paul, Jean: Vorschule der Aesthetik.
Zweite Abtheilung. Hamburg: Perthes 1804.
URL: https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10922038
PURL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:061:1-495020
URL: https://archive.org/details/vorschulederaest02jean
PURL: https://hdl.handle.net/2027/mdp.39015092912347
Paul, Jean: Vorschule der Aesthetik.
Dritte Abtheilung. Hamburg: Perthes 1804.
URL: https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10922039
PURL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:061:1-495020
URL: https://archive.org/details/vorschulederaest03jean
PURL: https://hdl.handle.net/2027/mdp.39015092912354
Paul, Jean: Vorschule der Aesthetik
nebst einigen Vorlesungen in Leipzig über die Parteien der Zeit.
Zweite, verbesserte und vermehrte Auflage.
Erste Abtheilung.
Stuttgart u. Tübingen: Cotta 1813
URL: https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10922040P
URL: https://archive.org/details/bub_gb_uBpMAAAAYAAJ
PURL: https://hdl.handle.net/2027/nyp.33433081904421
Paul, Jean: Vorschule der Aesthetik
nebst einigen Vorlesungen in Leipzig über die Parteien der Zeit.
Zweite, verbesserte und vermehrte Auflage.
Zweite Abtheilung.
Stuttgart u. Tübingen: Cotta 1813
URL: https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10922041
URL: https://archive.org/details/vorschulederaes01paulgoog
PURL: https://hdl.handle.net/2027/nyp.33433081904413
Paul, Jean: Vorschule der Aesthetik
nebst einigen Vorlesungen in Leipzig über die Parteien der Zeit.
Zweite, verbesserte und vermehrte Auflage.
Dritte Abtheilung.
Stuttgart u. Tübingen: Cotta 1813
URL: https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10922042
URL: https://archive.org/details/vorschulederaes00paulgoog
PURL: https://hdl.handle.net/2027/nyp.33433081904405
[Paul, Jean:] [Rezension zu]
De l'Allemagne par Mme la Baronne de Staël-Holstein:
T. I-IV. à Paris, H. Nicole à la librairie Stéreotype, rue de Seine. No. 12. 1810.
Réimprimé par John Murray, Albermarle Street, Londres 1813.
et par J. E. Hitzig, rue Charlotte No. 32. Berlin 1814.
In: Heidelbergische Jahrbücher der Litteratur.
Jg. 7, 1814, Heft 8, August:
Nr. 46, S. 721-736;
Nr. 47, S. 737-752.
Gezeichnet: Frip.
URL: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdjbl
URL: https://catalog.hathitrust.org/Record/100539368
URL: http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=hjl
URL: https://de.wikisource.org/wiki/Zeitschriften_(Varia)#HJdL
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Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer