Ludwig Achim von Arnim

 

 

Brief an Jacob Grimm (5. April 1811)

 

 

Text
Editionsbericht
Literatur: Arnim
Literatur: Brief

 

Lieber Jacob! Ich wollte einen angefangenen Brief an Euch beide noch in meiner Junggesellenschaft schließen, die Hochzeit hat mich aber übereilt und so bin ich denn ein Ehemann und theile Freud und Leid mit der ganzen Erde; wie das so gekommen, magst Du aus dem Briefe an Deinen Bruder ersehen. Was ich Dir nicht im Einzelnen kann auseinandersetzen, ob Du gleich alles Einzelne naturhistorisch liebst, das ist der Grund meiner Versichherung, daß Clemens nicht, wie Du in Deinem Briefe (oben S. 97) meinst, meine Heirath mit Bettinen befördert hat, sondern durch sein wunderliches Experimentieren an den Leuten uns von einander mehrmals gegenseitig zu entfernen drohte; jetzt aber vertrauen wir einander mehr als einem Menschen auf Erden, und alles ist gut geworden und selbst die Thränen sind in keinen unfruchtbaren Boden gefallen. Auch habe ich darum keinen Haß oder Zorn gegen ihn; wäre ich nicht gerade verliebt gewesen, so hätte ich über diese, wie über manche ähnliche Sonderbarkeit, die ich seit Jahren in ihm kenne, ruhig hingesehen, so aber griff es tiefer, um so tiefer weiß ich, daß er mir über Bettinen, Bettinen über mich gelogen hat. Niemand soll rühmen, was er hat und besitzt und sein nennt, aber leise darf ichs doch sagen, daß ich glücklich bin.

Dein Buch hat mich aus einer langen Ruhe geweckt, ich hatte die Bücher fast vergessen, nicht aus Vorsatz, sondern weil meiner Natur ein solcher Uebergang in einen viel fremden Tagslauf so seltsam neu war, das Aufgeben mancher lieben Gewohnheiten so schwer wurde, daß ich zu sehr von meinem täglichen Leben befangen war. Dazu kam das Einrichten eines neuen Quartiers und Haushaltung, Gartenarbeit, seit dem 11. März ist wenig gelesen und geschrieben worden. Dein Buch habe ich den Abend vor meiner Abreise nach diesem meinem Gute erhalten, zugleich las ich mit Vergnügen Deinen Brief an Savigny (oben S. 104), der mit bedeutenden literarischen Unternehmungen den Büsching fast noch zu übertreffen strebt. Gottlob, dachte ich, der hats [108] doch endlich auch vergessen, daß er nur am Ende seines Lebens ein paar Bogen mit der Quintessenz desselben herausgeben wollte, er hat doch endlich auch gelernt, daß ein Kind geboren sein muß, damit ein zweites Platz finde. Was nun dieses Dein erstes Buch betrifft, so ist es in gewissem Sinne sehr trefflich, ich meine in Beziehung auf Docen und seinen Streit und tausend einzelne sehr bedeutende Bemerkungen, Du hast ihm mit unbegreiflicher Langmuth geantwortet. Wenn ich aber den Titel "über deutschen Meistergesang" betrachte und den Umfang Deiner Einsicht und Belesenheit aus dem Inhalte erkenne, so thut es mir leid, daß Du nicht etwas Vollständigeres über die Geschichte des Meistergesanges geliefert hast; es hätte Dir vielleicht kein neues Durchblättern irgend eines Buches gekostet, um alles Bekannte darüber zusammenzustellen. Doch auch ohne dieses allgemeine Interese hast Du Deinen Stoff sehr angenehm zu beleben gewußt, und der unfruchtbare Streit ist durch die Bemerkungen über allgemeine Gesangform zu einem recht reichen Leben gediehen 1). Was Du über fremde Völker (S. 141) gesagt, scheint mir zu kurz, nur in einer Note (S. 168) erwähnst Du der gälischer Barden, deren Geschichte Schritt für Schritt mit unserm Meistergesang verglichen werden müßte. Meine Meinung (oben S. 53) hast Du als eine Paradoxie abgefertigt, ich will es Dir glauben, wenn nur ein Geschichtschreiber wirklich erwähnte, daß jene erlauchten Häupter Gedichte gemacht haben, was doch wahrlich nicht zu vergessen war, wenn sie auf so etwas den Werth gelegt hätten, um es so weit darin zu bringen. Während Kaiser vom Vogelstellen Namen bekommen, hat kein einziger Fürst mit seinen Gedichten sich einen Namen, eine Erwähnung verdienen können? Docens Meinung, daß manche zugleich Minne- und Meistersänger waren, ließe sich doch vielleicht noch anders deuten; es bezieht sich nämlich auf Deinen alten Lieblingsunterschied zwischen [109] Natur- und Kunstpoesie, den ich Dir nach innigster Ueberzeugung als etwas in Menschen ganz getrenntes gar nicht zugeben kann. Nie ist eine ohne die andre, aber leicht mag in einem Menschen eine von beiden abwechwelnd das Uebergewicht gewinnen, und wenn wir in der Minnepoesie den Naturtrieb, im Meistergesang das Kunstbewußtsein überwiegend finden, so wäre es allerdings sehr interesant, diese Stellen oder Einzelnheiten in den älteren Meistern der Geschichte wegen zu sondern und nach dem wenigen, was ich vom Titurel kenne, wäre er gerade dazu recht geschickt, beides deutlich zu machen. Görres hat nach meiner heutigen Einsicht dieses Gleichzeitige in der Entwckelung der Mythen ebenso wenig erkannt, sein Werk enthält nach einer Richtung viel Wahres, aber diese Richtung ist nur die eine und man fühlt sehr bald, daß so wenig den einzelnen Menschen wie ganze Völker in dieser Gesinnung allein die Religion ergriffen hat. Merkwürdig ist mir in dieser Hinsicht eine Stelle Deiner Vorrede (S. 5), wo Du den gebildeten Menscen geradezu schuld giebst, sie wollten etwas an die Stelle der Naturpoesie setzen, was diese nie erreichte. Dies scheint mir der Gipfel des Misverständnisses, worüber Du selbst bei genauerer Betrachtung erschrecken wirst, denn Du thust den besten Menschen aller Zeiten damit ein himmelschreiendes Unrecht, die ihre Natur und ihren Trieb, so gut sie es vermochten, aussprachen und auch ihr Volk hatten und begeisterten — denn wo zweie im Namen des Geistes versammelt sind, da will er unter ihnen sein — wenn gleich die große Menschenmasse gleichgültig vor ihnen übergegangen ist. Wenn ich je mit Begeisterung für Volkspoesie und mit ihr gefühlt habe, so war es bei Gott nicht darum, weil ich meinte, eine andre Natur und Kunst habe sie hervorgebracht, als jene, die mir in unsern Tagen manche Langeweile gemacht hat; nur darum, weil sie die Sichtung schon bestanden hat, in der auch vieles aus unsrer Zeit bestehen wird, darum suchte ich sie der Welt möglichst sichtbar vor Augen zu stellen. So gering ich Voß achte, auch in ihm wirkt hin und wieder die Urnatur, und er hätte die alten Volkslieder sicher nie heruntergemacht, um seine Gedichte zu heben, wenn diese nicht eben zufällig und seine Eitelkeit dazu in Anspruch genommen worden wären. Es wird mir sehr lieb sein, auch Deine entgegengesetzte Meinung recht grell darüber zu vernehmen, denn ich wünschte hierin Ueberzeugung zu haben, und ich bin gewiß, daß gerade dieser Dein Lieblingsunterschied zwischen Natur- und Kunstpoesie den gefährlichsten Einfluß auf Deine meisten Ansichten haben und insbesondre auf Deine Sagensammlung eine beschränkende Gesinnung übertragen muß. Ich wollte in Göthes Namen beschwören, daß bei allem Bewußtsein desen, was er treibt, was gewöhnlich Kunst genannt wird, er sich doch häufig von der [110] Eingebung seiner Natur überrascht fühlt, die ihm Erfindungen und Einwirkungen auf andre unbewußt schenkt, an die er nie vorausgedacht hatte; so schwöre ich Dir im Namen der Homeriden, der Volksliedersänger, daß keiner, der mehr als einen Vers gesungen, ohne Kunstabsicht war, aber freilich mochte diese oft sehr gering sein gegen das, was er unbewußt erreichte. Nach dieser meiner Ueberzeugung wirst Du es in mir begreiflich finden, daß ich sowohl in der Poesie wie in der Historie und im Leben überhaupt alle Gegensätze, wie sie die Philosophie unsrer Tage zu schaffen beliebt hat, durchaus und allgemein ableugne, also auch kein Gegensatz zwischen Volkspoesie und Meistergeang, aber ein verschiednes Volk für beide, mancherlei zusammenfallende Berührungen beider und Durchdringungen, Haß oder Hochmuth beider gegen einander selten und zufällig. Daß sie die volksmäßigen Lieder noch einmal zu bearbeiten verschmähten, scheint sehr natürlich; der Mensch kommt nur dazu, etwas Eigenes aufzustellen, wenn er sich überzeugt, daß das Vorhandene ihm nicht genügt hat. Daß ich Dir ein Beispiel anführe: bei aller Freude, die ich sonst am Schelmufsky gehabt habe, kann ich jetzt keinen Blick hineinthun, weil ich theils selbst zu oft von ihm geredet habe, theils die unzähligen Erzählungen von Clemens daraus in Gesellschaften habe anhören müsen; ja vor einiger Zeit hatte ich bei dem bloßen Namen Schelmufsky eine hypochondrische Angst, daß ich mir die ganze Geschichte wieder denken müßte, gleichwie einem eine Melodie zuweilen nicht aus dem Kopfe will, die man Nachts zum Ueberdruß auf einem Ball gehört hat, wenn sie gleich recht schön ist. Wenig Raum bleibt noch Dir für Deinen früheren Brief (oben S. 99) zu danken; was Du tadelst, der Spott über manderlei Mystik in meinem Stücke, die mich vielleicht selbst in verschiednen Zeiten ergreifen konnte, so hat er sich von selbst gemacht, indem ich in andrer Zeit anders darüber dachte, und es scheint mir doch recht gut, da bei jedem, der irgend einen Glauben zeigt, ein Geschrei von Mystik zu hören ist, jetzt deutlich zu machen, wie so etwas noch keinen Mystiker mache und an sich weder gut noch schlecht sei, auch glaubte ich mein Stück eben dadurch von dem Ernste eines ernst religiösen Stückes zur dramatischen Beischeidenheit zurückgeführt zu haben.

 

 

[Fußnote, S. 108]

1) Arnim meint etwa die Partien um S. 37; zu der Anmerkung 27 auf dieser Seite bemerke ich, daß ihre Fassung mit auf der Auskunft beruht, welche Jacob Grimm 1809 sich aus dem Reichardtschen Hause, nach brieflichen Verhandlungen mit Wilhelm (im Briefwechsel aus der Jugendzeit), über Bedeutung und Wert von Moll und Dur eingeholt hatte. Es scheint mir interessant zu sein, Arnims gleichzeitiges Urtheil über Jacob Grimms Meistergesang, wie er es einem ferner stehenden Bekannnten aussprach (Dorow, Reminiscenzen S. 113) im Wortlaut herzusetzen: "Die herrliche Schrift meines lieben Freundes Jacob Grimm über altdeutschen Meistergesang ... müssen Sie sich anschaffen, ungeachtet sie ursprünglich nur eine Streitschrift gegen Docen war, so enthält sie doch ungemein viel Belehrendes über die Geschichte unserer Poesie, was nur durch ein sehr allgemeines, fleißiges Quellenstudium erlangt werden kann, daß man dabei das größte Verlangen fühlt, die gesammte Geschichte unsrer Poesie von ihm bearbeitet zu sehen." Mehr mit der obigen Beurtheilung deckt sich die an Görres (8, 197),   zurück

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Achim von Arnim und die ihm nahe standen.
Hrsg. von Reinhold Steig und Herman Grimm.
Bd. 3: Achim von Arnim und Jacob und Wilhelm Grimm.
Bearbeitet von Reinhold Steig.
Stuttgart u. Berlin: Cotta 1904, S. 107-110.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

PURL: http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0002790400000000
URL: https://archive.org/details/bub_gb_pXTfAAAAMAAJ
URL: https://archive.org/details/achimvonarnimun00steigoog

 

 

Literatur: Arnim

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Bluhm, Lothar: Die Brüder Grimm und der Beginn der deutschen Philologie. Eine Studie zu Kommunikation und Wissenschaftsbildung im frühen 19. Jahrhundert. Hildesheim 1997.

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Dehrmann, Mark-Georg: Studierte Dichter. Zum Spannungsverhältnis von Dichtung und philologisch-historischen Wissenschaften im 19. Jahrhundert. Berlin u.a. 2015.
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Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer