Text
Editionsbericht
Literatur: Arnim
Literatur: Brief
Lieber Jacob! Ich wollte einen angefangenen Brief an Euch beide noch in meiner Junggesellenschaft schließen, die Hochzeit hat mich aber übereilt und so bin ich denn ein Ehemann und theile Freud und Leid mit der ganzen Erde; wie das so gekommen, magst Du aus dem Briefe an Deinen Bruder ersehen. Was ich Dir nicht im Einzelnen kann auseinandersetzen, ob Du gleich alles Einzelne naturhistorisch liebst, das ist der Grund meiner Versichherung, daß Clemens nicht, wie Du in Deinem Briefe (oben S. 97) meinst, meine Heirath mit Bettinen befördert hat, sondern durch sein wunderliches Experimentieren an den Leuten uns von einander mehrmals gegenseitig zu entfernen drohte; jetzt aber vertrauen wir einander mehr als einem Menschen auf Erden, und alles ist gut geworden und selbst die Thränen sind in keinen unfruchtbaren Boden gefallen. Auch habe ich darum keinen Haß oder Zorn gegen ihn; wäre ich nicht gerade verliebt gewesen, so hätte ich über diese, wie über manche ähnliche Sonderbarkeit, die ich seit Jahren in ihm kenne, ruhig hingesehen, so aber griff es tiefer, um so tiefer weiß ich, daß er mir über Bettinen, Bettinen über mich gelogen hat. Niemand soll rühmen, was er hat und besitzt und sein nennt, aber leise darf ichs doch sagen, daß ich glücklich bin.
Dein Buch hat mich aus einer langen Ruhe geweckt, ich hatte die
Bücher fast vergessen, nicht aus Vorsatz, sondern weil meiner Natur ein
solcher Uebergang in einen viel fremden Tagslauf so seltsam neu war,
das Aufgeben mancher lieben Gewohnheiten so schwer wurde, daß ich
zu sehr von meinem täglichen Leben befangen war. Dazu kam das
Einrichten eines neuen Quartiers und Haushaltung, Gartenarbeit, seit
dem 11. März ist wenig gelesen und geschrieben worden. Dein Buch
habe ich den Abend vor meiner Abreise nach diesem meinem Gute
erhalten, zugleich las ich mit Vergnügen Deinen Brief an Savigny
(oben S. 104), der mit bedeutenden literarischen Unternehmungen den
Büsching fast noch zu übertreffen strebt. Gottlob, dachte ich, der hats
[108] doch endlich auch vergessen, daß er nur am Ende seines Lebens ein
paar Bogen mit der Quintessenz desselben herausgeben wollte, er hat
doch endlich auch gelernt, daß ein Kind geboren sein muß, damit ein
zweites Platz finde. Was nun dieses Dein erstes Buch betrifft, so ist
es in gewissem Sinne sehr trefflich, ich meine in Beziehung auf Docen
und seinen Streit und tausend einzelne sehr bedeutende Bemerkungen,
Du hast ihm mit unbegreiflicher Langmuth geantwortet. Wenn ich aber
den Titel "über deutschen Meistergesang" betrachte und den Umfang
Deiner Einsicht und Belesenheit aus dem Inhalte erkenne, so thut es
mir leid, daß Du nicht etwas Vollständigeres über die Geschichte des
Meistergesanges geliefert hast; es hätte Dir vielleicht kein neues
Durchblättern irgend eines Buches gekostet, um alles Bekannte darüber
zusammenzustellen. Doch auch ohne dieses allgemeine Interese hast Du
Deinen Stoff sehr angenehm zu beleben gewußt, und der unfruchtbare
Streit ist durch die Bemerkungen über allgemeine Gesangform zu einem
recht reichen Leben gediehen
1).
Was Du über fremde Völker (S. 141)
gesagt, scheint mir zu kurz, nur in einer Note (S. 168) erwähnst Du
der gälischer Barden, deren Geschichte Schritt für Schritt mit unserm
Meistergesang verglichen werden müßte. Meine Meinung (oben S. 53)
hast Du als eine Paradoxie abgefertigt, ich will es Dir glauben, wenn
nur ein Geschichtschreiber wirklich erwähnte, daß jene erlauchten Häupter
Gedichte gemacht haben, was doch wahrlich nicht zu vergessen war, wenn
sie auf so etwas den Werth gelegt hätten, um es so weit darin zu
bringen. Während Kaiser vom Vogelstellen Namen bekommen, hat kein
einziger Fürst mit seinen Gedichten sich einen Namen, eine Erwähnung
verdienen können? Docens Meinung, daß manche zugleich Minne- und
Meistersänger waren, ließe sich doch vielleicht noch anders deuten; es
bezieht sich nämlich auf Deinen alten Lieblingsunterschied zwischen
[109] Natur- und Kunstpoesie, den ich Dir nach innigster Ueberzeugung als
etwas in Menschen ganz getrenntes gar nicht zugeben kann. Nie ist
eine ohne die andre, aber leicht mag in einem Menschen eine von beiden
abwechwelnd das Uebergewicht gewinnen, und wenn wir in der
Minnepoesie den Naturtrieb, im Meistergesang das Kunstbewußtsein
überwiegend finden, so wäre es allerdings sehr interesant, diese Stellen
oder Einzelnheiten in den älteren Meistern der Geschichte wegen zu
sondern und nach dem wenigen, was ich vom Titurel kenne, wäre er gerade
dazu recht geschickt, beides deutlich zu machen. Görres hat nach meiner
heutigen Einsicht dieses Gleichzeitige in der Entwckelung der Mythen
ebenso wenig erkannt, sein Werk enthält nach einer Richtung viel
Wahres, aber diese Richtung ist nur die eine und man fühlt sehr bald,
daß so wenig den einzelnen Menschen wie ganze Völker in dieser
Gesinnung allein die Religion ergriffen hat. Merkwürdig ist mir in dieser
Hinsicht eine Stelle Deiner Vorrede (S. 5), wo Du den gebildeten
Menscen geradezu schuld giebst, sie wollten etwas an die Stelle der
Naturpoesie setzen, was diese nie erreichte. Dies scheint mir der Gipfel
des Misverständnisses, worüber Du selbst bei genauerer Betrachtung
erschrecken wirst, denn Du thust den besten Menschen aller Zeiten damit
ein himmelschreiendes Unrecht, die ihre Natur und ihren Trieb, so gut
sie es vermochten, aussprachen und auch ihr Volk hatten und
begeisterten — denn wo zweie im Namen des Geistes versammelt sind,
da will er unter ihnen sein — wenn gleich die große Menschenmasse
gleichgültig vor ihnen übergegangen ist. Wenn ich je mit Begeisterung
für Volkspoesie und mit ihr gefühlt habe, so war es bei Gott nicht
darum, weil ich meinte, eine andre Natur und Kunst habe sie
hervorgebracht, als jene, die mir in unsern Tagen manche Langeweile gemacht
hat; nur darum, weil sie die Sichtung schon bestanden hat, in der auch
vieles aus unsrer Zeit bestehen wird, darum suchte ich sie der Welt
möglichst sichtbar vor Augen zu stellen. So gering ich Voß achte, auch
in ihm wirkt hin und wieder die Urnatur, und er hätte die alten
Volkslieder sicher nie heruntergemacht, um seine Gedichte zu heben, wenn
diese nicht eben zufällig und seine Eitelkeit dazu in Anspruch genommen
worden wären. Es wird mir sehr lieb sein, auch Deine entgegengesetzte
Meinung recht grell darüber zu vernehmen, denn ich wünschte hierin
Ueberzeugung zu haben, und ich bin gewiß, daß gerade dieser Dein
Lieblingsunterschied zwischen Natur- und Kunstpoesie den gefährlichsten
Einfluß auf Deine meisten Ansichten haben und insbesondre auf Deine
Sagensammlung eine beschränkende Gesinnung übertragen muß. Ich wollte
in Göthes Namen beschwören, daß bei allem Bewußtsein desen, was er
treibt, was gewöhnlich Kunst genannt wird, er sich doch häufig von der
[110] Eingebung seiner Natur überrascht fühlt, die ihm Erfindungen und
Einwirkungen auf andre unbewußt schenkt, an die er nie vorausgedacht
hatte; so schwöre ich Dir im Namen der Homeriden, der
Volksliedersänger, daß keiner, der mehr als einen Vers gesungen, ohne
Kunstabsicht war, aber freilich mochte diese oft sehr gering sein gegen das,
was er unbewußt erreichte. Nach dieser meiner Ueberzeugung wirst Du
es in mir begreiflich finden, daß ich sowohl in der Poesie wie in der
Historie und im Leben überhaupt alle Gegensätze, wie sie die
Philosophie unsrer Tage zu schaffen beliebt hat, durchaus und allgemein
ableugne, also auch kein Gegensatz zwischen Volkspoesie und
Meistergeang, aber ein verschiednes Volk für beide, mancherlei zusammenfallende
Berührungen beider und Durchdringungen, Haß oder Hochmuth beider
gegen einander selten und zufällig. Daß sie die volksmäßigen Lieder
noch einmal zu bearbeiten verschmähten, scheint sehr natürlich; der
Mensch kommt nur dazu, etwas Eigenes aufzustellen, wenn er sich
überzeugt, daß das Vorhandene ihm nicht genügt hat. Daß ich Dir ein
Beispiel anführe: bei aller Freude, die ich sonst am Schelmufsky
gehabt habe, kann ich jetzt keinen Blick hineinthun, weil ich theils selbst
zu oft von ihm geredet habe, theils die unzähligen Erzählungen von
Clemens daraus in Gesellschaften habe anhören müsen; ja vor einiger
Zeit hatte ich bei dem bloßen Namen Schelmufsky eine hypochondrische
Angst, daß ich mir die ganze Geschichte wieder denken müßte, gleichwie
einem eine Melodie zuweilen nicht aus dem Kopfe will, die man Nachts
zum Ueberdruß auf einem Ball gehört hat, wenn sie gleich recht schön ist.
Wenig Raum bleibt noch Dir für Deinen früheren Brief (oben S. 99)
zu danken; was Du tadelst, der Spott über manderlei Mystik in
meinem Stücke, die mich vielleicht selbst in verschiednen Zeiten
ergreifen konnte, so hat er sich von selbst gemacht, indem ich in andrer Zeit
anders darüber dachte, und es scheint mir doch recht gut, da bei jedem,
der irgend einen Glauben zeigt, ein Geschrei von Mystik zu hören ist,
jetzt deutlich zu machen, wie so etwas noch keinen Mystiker mache und
an sich weder gut noch schlecht sei, auch glaubte ich mein Stück eben
dadurch von dem Ernste eines ernst religiösen Stückes zur dramatischen
Beischeidenheit zurückgeführt zu haben.
[Fußnote, S. 108]
1) Arnim meint etwa die Partien um S. 37; zu der Anmerkung 27 auf
dieser Seite bemerke ich, daß ihre Fassung mit auf der Auskunft beruht, welche
Jacob Grimm 1809 sich aus dem Reichardtschen Hause, nach brieflichen
Verhandlungen mit Wilhelm (im Briefwechsel aus der Jugendzeit), über Bedeutung
und Wert von Moll und Dur eingeholt hatte. Es scheint mir interessant zu
sein, Arnims gleichzeitiges Urtheil über Jacob Grimms Meistergesang, wie er
es einem ferner stehenden Bekannnten aussprach (Dorow, Reminiscenzen S. 113)
im Wortlaut herzusetzen: "Die herrliche Schrift meines lieben Freundes Jacob
Grimm über altdeutschen Meistergesang ... müssen Sie sich anschaffen,
ungeachtet sie ursprünglich nur eine Streitschrift gegen Docen war, so enthält sie
doch ungemein viel Belehrendes über die Geschichte unserer Poesie, was nur
durch ein sehr allgemeines, fleißiges Quellenstudium erlangt werden kann, daß
man dabei das größte Verlangen fühlt, die gesammte Geschichte unsrer Poesie
von ihm bearbeitet zu sehen." Mehr mit der obigen Beurtheilung deckt sich die
an Görres (8, 197),
zurück
Erstdruck und Druckvorlage
Achim von Arnim und die ihm nahe standen.
Hrsg. von Reinhold Steig und Herman Grimm.
Bd. 3: Achim von Arnim und Jacob und Wilhelm Grimm.
Bearbeitet von Reinhold Steig.
Stuttgart u. Berlin: Cotta 1904, S. 107-110.
Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck
(Editionsrichtlinien).
PURL: http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0002790400000000
URL: https://archive.org/details/bub_gb_pXTfAAAAMAAJ
URL: https://archive.org/details/achimvonarnimun00steigoog
Literatur: Arnim
Bär, Jochen A.: Sprachreflexion der deutschen Frühromantik.
Konzepte zwischen Universalpoesie und Grammatischem Kosmopolitismus.
Mit lexikographischem Anhang.
Berlin u.a. 1999.
Anhang II: Exemplarische Wortuntersuchungen; S. 452-479: Poesie.
Bluhm, Lothar: Die Brüder Grimm und der Beginn der deutschen Philologie.
Eine Studie zu Kommunikation und Wissenschaftsbildung im frühen 19. Jahrhundert.
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In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte.
Hrsg. von Dieter Lamping.
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Dehrmann, Mark-Georg: Studierte Dichter. Zum Spannungsverhältnis von Dichtung und philologisch-historischen Wissenschaften im 19. Jahrhundert.
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S. 269-273: Naturpoesie und Kunstpoesie - Die Debatte mit Achim von Arnim.
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Lyrische Subjektivität bei Achim von Arnim.
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Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer