Text
Editionsbericht
Literatur: C. P. C.
Literatur: Morgenblatt für gebildete Stände (ab 1837: Leser)
[1113] Man sieht sich immer in einige Verlegenheit gesetzt, wenn man die freyen Ergießungen eines so oder so poetisch angeregten Gemüthes in die herkömmlichen Fachwerke, Ode, Hymne, Dithyrambe, Lied u. s w. eintheilen will, schon bey den kunstmäßiger gebildeten Alten, den Griechen und Römern, noch mehr aber bey den weniger geregelten Söhnen der Natur, den Orientalen, den Ebräern, Arabern, Persern, von denen Denkmale der Kunst auf uns gekommen sind.
Die Klassifikation ist nicht von den Alten in dem Sinne, worin wir sie nehmen, sondern von spätern Sprachkünstlern. Wo eine Klassifikation früher da war, die man dabey beachtete, war sie entweder von zufälligen Einrichtungen der Form, daß ein Lied kürzer war, einen leichtern gefälligern Ton, eine Ode einen stärkern mannlichern hatte, oder, wie bey der Hymne, der Dithyrambe, von besondern ebenfalls zufälligen Bestimmungen der Gedichte hergenommen. Eine Hymne zum Lobe der Götter – zu religiöser Feyer – eine Dithyrambe zum Preise des Bacchus oder für den Zweck Bacchischer Feyer – Skolien – Tisch- und Trinklieder – Nänien, Klagelieder – u. s. w.
Man könnte die Gattungseintheilung auf diese Art noch vervielfältigen,
z. B. von Päanen reden. Die Alten sangen in ihren Chören Päane an die Götter um Abwendung eines gegenwärtigen oder bevorstehenden Uebels, wie etwa wir unsre Litaneien.
So kommt im Oedipus Tyrannos ein solcher Päan vor, und eben dort auch der Beleg für die hier angenommene Bedeutung des Wortes Päan. Ein Päan wäre demnach eine besondere Art von Hymnen, vom besondern Zwecke, der besondern Veranlassung also genannt, und wir könnten unsre geistlichen Gesänge, in allgemeinen und besondern Nöthen, Päane nennen, wenn sie nur sonst etwas vom Geiste der Sophokleischen Päane hätten.
Indessen, da diese Behufsmethode nun einmal vorhanden ist, und wirklich die unterscheidenden Merkmale verschiedener Arten lyrischer Gedichte nicht ganz zufällig, sondern wesentlich im verschiedenen Karakter der sich darin aussprechenden Begeisterung gegründet sind, so halten wir uns an die vorhandene Eintheilung, und verwahren uns nur vor der Ansinnung eines unbedingten Glaubens an dieselbe, der festen Ueberzeugung, daß verschiedene Töne des Liedes, der Ode, der Elegie, die wir auch in das lyrische Gebiet ziehen, in einem und ebendemselben Gedichte, wie aus den besten Mustern sich erweisen liesse, in einander fließen können.
Das Unterscheidende eines lyrischen Gedichtes überhaupt ist, wie wir gesehen haben, daß hier vorzüglich eine subjektive Stimmung des Dichters hervortritt, mag er sie in seinem Namen oder in fremdem aussprechen.
Der Dichter schließt uns sein Inneres darin auf; seine Anschauung von dem Gegenstande, der ihn jetzt lebhaft ergriffen hat, will er zu der unsrigen machen. Ein Moment seines erhöhtern Lebens wird aufgethan vor uns, wir sollen ihn theilen, nicht nur Zeugen davon seyn, wir sollen mit [1114] ihm in seinen Zustand eingehen. Nun sind die Gefühle und die Gegenstände, wodurch die Gefühle erweckt werden, mancherley, verschieden nach Grad und Umfang. Die sanftern stillern Gefühle gehören mehr dem Liede, die stärkern, feurigern der Ode an. Eine erhöhte Phantasie bey einer lebhaft gereizten Empfindung überrascht sich und andre durch ungewöhnliche Ideenverknüpfungen, rasche unerwartete Uebergänge, bedeutsame Bilder.
Ein kühnerer Flug, der wenig sagende Nebenzüge, breite Ausführlichkeit, trockenes Detail verschmäht, und an Hauptzügen verweilt, mit wenigem viel sagt, in fruchtbaren Bildern viel anzuschauen gibt, mit rascher Eile, das Niedrige verschmähend, über Höhen dahinfliegt, und in regellos scheinender Harmonie, wo er zu irren scheint, dennoch nicht verirrt, das ist der Karakter der Ode, die dann wieder als Hymne, als Dithyrambe erscheint.
Das Lied, könnte man sagen (von der Dichtkunst in Bildern zu reden, ist wohl erlaubt), ist ein Bach, der unter einem Felsen, oder wie durch einen Zauberschlag plötzlich aus der Tiefe entspringt, durch die Musik seiner Wellen bedeutsam die Musik unsers Herzens aufregt, durch Blumen forteilt und verschwindet.
Die Ode, ein Strom über den Felsen geboren – man kennt die Stätte seiner Geburt nicht – durch Wälder und Klippen stürzt er daher, er wächst im Laufe, seine frohlockenden Wogen begrüßen ferne Länder und Reiche, und freudig eilt er in den Ocean.
Dies ist wenigstens bildlich von den Pindarischen Oden wahr, den herrlichsten Denkmalen der Lyrik, die man sehr kleinmeisterisch blos als schöne Gelegenheitsgedichte beurtheilen würde, weil sie vom Lobe eines Siegers zunächst ausgehen, oder dadurch veranlaßt sind, da sie vielmehr eine kleine Welt vor uns aufthun, und Göttliches und Menschliches, Irdisches und Ueberirdisches wie mit einem reichen Prachtgürtel umschließen.
* * *
Wenn wir die Hymnen der Alten nehmen, diejenigen z. B., die wir unter dem Namen der Orphischen, der Cleanthischen, Homerischen, und wieder derjenigen, welche dem Kallimachus zuverlässiger als jene obigen den Namen, die sie tragen, zugehören, so finden wir einen ganz verschiedenen Karakter in denselben, und die Bestimmung, die Eschenburg z. B. von der Hymne macht, in ihr als einem lyrischen Gedichte müsse der höchste Grad der Begeisterung,
die feurigste Sprache u. s. w. herrschen, ist nach diesen Beyspielen ganz unrichtig.
Das Gemeinsame aller, was den Zweck und Inhalt betrifft, ist, daß sie religiösen Inhaltes sind. Ton und Haltung bey den meisten ist einfach. Ausdruck des Dankes und Vertrauens gegen die Gottheit in ungekünstelter Apostrophe an sie, wo die Apostrophirung derselben oft in allen möglichen Prädikaten der Gottheit, als wollte man sich in
diesen eben so viele Gründe des Dankes und Vertrauens vorzählen, fast bis zum Ermüden sich erschöpft. So mehrere, dem Orpheus zugeschriebene – so die wahrscheinlich ebenfalls unächten Homerischen. Diejenigen, in denen sich mehr der Homerische Geist offenbart, sind solche, die mehr epischen Ton und Zuschnitt haben. So z. B. die Hymne auf Dionysos, die auf Hermes, die neu aufgefundene, von Rhunken kommentirte, auf die Ceres. Der Gang ist in diesen dreyen der: Nach einer kurzen Ankündigung des Zweckes des Gesanges:
"Bacchus will ich besingen – Hermes – Demeter" – werden aus den mythologischen Legenden mehrere oder einzelne Sagen herausgehoben, die als Beweise der Macht und Vortrefflichkeit der Gottheiten, denen der Lobgesang gilt, in einem heitern behenden Tone vorgetragen werden, an die sich der Schluß als eine Art poetischer Ratiocination anknüpft: – Die Gottheit, die dieses gethan hat, wollen wir ehren.
Vortrefflich besonders ist in dieser Rücksicht der Gesang an den Bacchus! –
Wie ganz anders die religiosen der Ebräer, die man gewöhnlich auch unter die Kategorie der Hymnen zählt!
Ihre Verschiedenheit muß aus der Verschiedenheit des Karakters der Nation, der sie angehören, aus ihrer verschiedenen Bildung, verschiedenen Religion erklärt werden.
Hier ist nicht das ruhige Maß, das schöne Spiel der Einbildungskraft, das auch Gegenstände religiöser Verehrung heiter und wie ein menschliches Spiel behandelt – es ist mehr Ernst, intensive Stärke, feuriger Flug und Schwung der Einbildungskraft, der in raschen Zügen und Wendungen die Größe, die Macht, Jehova's Geist preist und die Siege, die er seinem Volke verschafft; es sind die Laute einer in Dank und Anbetung frohlockenden Secte, die wir hören – Fülle der Empfindung bey öfterer Einbildungskraft – wie in den Mosaischen Hymnen, wie in mehrern Davidischen Psalmen, mehreren prophetischen Gesängen.
[1134] Wie es ein Fehler der lyrischen Poesie ist, wenn sie zu sehr in's Besondere sich beschränkt, so ebenfalls, wenn sie zu viel im Allgemeinen hin- und herschwebt. Entweder muß sie vom Besondern anheben und sich verbreiten in's Allgemeine, oder vom Allgemeinen ausgehen und in's Besondere sich begränzen.
Beydes, das zu strenge Halten am Besondern und das leere Hin- und Hertappen im Allgemeinen, taugt nicht. Das erste darum nicht, weil bey aller Subjectivität, die bey der lyrischen Poesie stattfindet, sie als Poesie doch nicht zu individuell seyn darf; denn die Dichtkunst ist eine Darstellung der Natur im Großen und Allgemeinen, nicht nur einer einzelnen beschränkten Natur. Das zweyte darum nicht, weil das Absolute nicht anders denn als Schranke sinnlich kann gefaßt werden.
In der Jugend, bey'm ersten Andringen lebendiger Empfindungen wissen wir oft nicht, was wir mit unsern Gefühlen anfangen sollen.
Auch der wirklich poetische Kopf, der nicht blos Lust verwechselt mit Talent, täuscht sich hier oft. Die Anregungen seines Gefühls, die Flut seiner noch unbestimmten unsichern Gefühle sucht er eben einmal zu entladen, und adressirt sie häufig ungeschickt. Nichts ist gewöhnlicher, als daß er dann in's Unendliche greift, die Natur besingen will, oder Ewigkeit, Tod, Unsterblichkeit. Solche Gegenstände reizen seine Einbildungskraft am meisten, wie ein weiter unbegränzter Horizont unsre Blicke in seine unbe[1135]stimmte Ferne mit wollüstigen Ahnungen zieht, und indem er unsern Vorstellungen ein mannigfaltiges Spiel gewährt, schon dadurch unsern angeregten Thätigkeitstrieb beschäftigend hinhält.
Oder auch – man ist zu schnell dahinter her, dem Einzelnen und der Rührung, die es auf uns macht, einen zu hohen Werth beyzulegen, und sich zu bereden, daß es auch für andre denselben haben möchte. Z. B. die heitere Stimmung, die der Frühling, der Gesang der Vögel, etwa auch nur eines Vogels, der Nachtigall, des Guckuks, als Bote des Frühlinges, auf uns macht – diese soll sogleich übersetzt werden in Verse. So sind manche Lieder an den Frühling, an die Nachtigall u. s. w. entstanden, oder, was noch schlimmer ist, auf Gegenstände, an die sich eine gewisse Privat-Neigung von uns gehängt hat, auf uns und zu unsern Umgebungen gehörige, die wir als Eigenthümer zu betrachten gewohnt sind, auf meinen Kanarienvogel, meine Linde, Laube u. s. w., bey denen der Kompositeur allerdings nicht kalt gewesen seyn mag, aber sie lassen andre gleichgültig. Warum? Nicht eben darum, weil es verbrauchte Stoffe sind – auch dem verbrauchtesten kann man einen eigenthümlichen Reiz durch neue Behandlung geben; sondern, weil und insofern unsre Behandlung gewöhnlich ist, die Stimmung, die sich darinn ankündiget, die Situation, in die der Leser soll geführt werden, nichts Auszeichnendes, Bedeutendes hat. Im letzten Falle, wenn eine Privatneigung darin zu sichtbar ist, können wir uns des Vorwurfes der Eitelkeit nicht erwehren, und es wird dem Leser unangenehm, von der Sache hinweg mehr auf unsere und ihre kleinen Freuden und Bedürfnisse hingelenkt zu werden, neben dem, daß es ein widriges abstoßendes Gefühl erweckt, und auch gegen den wahren Zweck und die Hoheit der Muse streitet, sie zu einer Sängerinn unsers Hausraths – denn als solchen behandeln wir ja in diesem Falle die besungenen Gegenstände – zum Behufe unsers kleinen Bedarfs herabgewürdiget zu sehen.
Daß es hier einige Ausnahmen gibt, wenn Gegenstand uud daran haftende Neigung wichtiger ist und so beschaffen, um allgemeinere Theilnahme zu erregen, wenn in der Behandlung selbst der Dichter die Kunst angewendet hat, sein Gefühl, mit dem er an dem Gegenstande hängt, zu erweitern zu einem höheren reinmenschlichern – wer wollte dies läugnen? –
Der verstorbene Moritz hält es für ein Zeichen eines zweydeutigen Berufes zur Poesie, wenn der junge Dichter, ringend nach Gegenständen der Darstellung, Poesie zu sehr im schon an sich Poetischen suche; es verrathe eine Ohnmacht, einen Mangel eigener poetisirenden Kraft, die auch dem Alltäglichen den Stempel des Ungemeinen aufzudrücken im Stande seyn müsse. – Dies ist nur mit Einschränkung wahr. Man könnte die Behauptung vielleicht eher umkehren. Im Unpoetischen das Poetische suchen wolllen, das Undarstellbare darstellen wollen - denn wer kann sagen,
daß alles darstellbar sey für poetische Kunst? – scheint mehr einen originellflüchtigen, kränkelnden, als wahrhaft poetischen Kopf zu bezeichnen, und Manche sind an dieser Klippe gescheitert; aber so viel ist wol davon richtig: Manches scheint gewöhnlichen Augen unpoetisch. Das Gefühl, die Phantasie weiß ihm eine poetische Seite abzugewinnen, und wo die magische Ruthe des Genius anschlägt, entspringt ein geistiger Born, oder zeigt sich edles Metall, wo der ungeweihte Blick nur gleichgültige Erde oder Sand und Kies sah.
Noch unglücklicher ist der Fall, wenn der junge Dichter nicht sowol bestimmt durch eine Anregung seines Gefühles, als vom Triebe der Nachahmung belebt, an Lieder oder Oden, über was immer für Gegenstände, sich hingibt. Er betreibt dann das Geschäft der Poesie nicht sowol um ihrer selbst willen, als zu etwas, und für die Befriedigung eines dem poetischen fremdartigen Triebes. Es ist nicht mehr Aeußerung freyer schöner Thätigkeit. Die Poesie gefällt ihm, aber er selbst sich noch mehr. Durch Poesie haben sich viele großen Ruhm erworben; gewisse Dichter sind gerade Lieblingsdichter des Publikum. Klopstock, Goethe, Schiller u. s. w. haben in seiner Einbildungskraft gezündet; ihnen möchte er nacheifern, neben ihren Namen seinen Namen im Tempel der Unsterblichkeit aufbewahrt sehen. Hier gilt es ernste Prüfung, ob diese Nacheiferung mehr die Frucht der Eitelkeit, oder Folge der Liebe für das Heilige der Kunst ist, die dann freylich auch mit Bewunderung für diejenigen, die es ausgesprochen, verbunden seyn muß.
Jüngling, der du in die Vorhöfe der Musen trittst, frage dich ernstlich, ob reine Begeisterung für ihren Dienst dein Herz entzündet hat, oder ob du von ihnen etwas anders erwartest, als eben blos sie und ihre Liebe. Wirst du gewahr, daß du auch ungekannt und ungenannt von der Menge, blos in der süssen Befriedigung ihnen dein Leben gewidmet zu haben, durch sie es verklärt, verherrlichet und über die niedrigen Bedingungen gewöhnlicher Verhältnisse erhöhet zu fühlen, deinen Lohn findest, dann prüfe und wäge deine Kräfte ab mit deiner Neigung, und wenn dir deine Arbeit gelingt, und du darfst nicht erröthen bey der Vergleichung derselben mit den Meisterwerken der bessern Künstler, und die Stimmen unpartheyischer geprüfter Kenner, die du in der Stille zu Rathe ziehst, geben dir Beyfall, dann fahre fort, und die Bessern deiner Nation werden dir schon einst danken, ohne daß du ängstlich nach Beyfall und Lob ringst, und wenn auch nichts von dir sollte gedruckt werden, keine Zeitung dich nennen sollte, dein Name ganz unbekannt, oder nur wenigen Freunden bekannt bleiben – du hast das Glück der himmlischen Liebe gekostet – dein schönes Leben, deine schönen Gesänge leben fort in der ewigen Harmonie, die frühe die Saiten deines Geistes berührt, und in die Chöre der Seligen zum Genusse des un[1136]wandelbar Schönen dich über die vergängliche Erde auf ätherischen Fittigen erheben wollte.
Man weiß von Sokrates und Plato, daß sie bei der Prüfung der Jünglinge, die sich bey ihnen in die Schule der Weisheit begeben wollten, hauptsächlich auf die schönverhüllte Blume der Schamhaftigkeit, der Aidos oder Bescheidenheit aufmerksam waren, und wo sie diese, als
Verkündigerin innerer Einwohnung auf Stirn und Wange eisnes jungen Freundes der Philosophie wahrnahmen, es als ein glückliches Vorzeichen ansahen, daß mit der Lust für die Philosophie auch der Beruf zu forschen und einzudringen in ihre Geheimnisse in einer solchen Seele vorhanden wäre. Es ist mit der Poesie, dünkt mich, nicht anders. – Wenn euch zwey Jünglinge naheten, und beyde kündigten sich euch als junge Priester Apolls an – der eine, hochfahrend, dreist, sicher über sich selbst und seine Versuche, läse euch diese mit selbstgefälliger Aufgeblasenheit vor, oder spräche auch mit geläufiger Zunge und hergebrachten Formeln von seiner Liebe für göttliche Kunst, von seinen Kunstwerken, die er sdon in ich weiß nicht welchen Almanachen oder Journalen aufgestellt, von dem Lobe, das sie erhalten, er redete mit vielversprechenden Geberden von Geisteswerken, die er unter der Feder hätte, wodurch er die noch stumpfsinnige Nation erst recht bilden, und ihr das Heiligthum der neuen Kunst aufschliessen wollte, er wärfe zugleich in seinem Gespräche verächtliche Seitenblicke auf das bisber von andern Geleistete; die verehrtesten Namen, die nur älter als eine Schule, der er namentlich huldigte, wären. würden gleichgültig oder gar wegwerfend von ihm genannt – der andere, blöde, in sich gekehrt, verschämt, wagte es kaum, so sehr ihr ihn auch bätet, euch eine Probe seiner Poesie zu recitiren, oder in die Hände zu geben; erbeten endlich thäte er es nur mit der größten Schüchternheit, und thr fändet, sie wäre nicht verstellt, wäre nicht Folge einer mangelhaften Erziehung, diese Schüchternheit, ihr fändet, wie aus den Proben, die er euch vorgelegt, einen jungen Mann voll Innigkeit des Gefühls, das in Demuth dem Höchsten, dem Heiligsten zugewendet wäre, so aus der allmähligen weitern Bekanntschaft eine zartverhüllte schöne Natur, eine Knospe, die bescheiden, still und anspruchlos, blos dem Zuge ihres Triebes folgend, und sonst ganz unbekannt damit, einer schönen Entwicklung sich entgegen drängte, – es ist kein Zweifel, wo ihr den wahren Beruf zur Dichtkunst entdecken würdet, es ist kein Zweifel, daß ihr den Schwätzer würdet schwätzen lassen, und den Einsilbigen mit Liebe umarmen.
O diese himmlische Blume schöner Bescheidenheit, warum wird sie so selten gefunden! und ist unsre neue poetische Zeit, fruchtbar an schnell aufschiessenden und üppig gedeihenden Sängern, wie die alte Muttererde an Kindern, besser daran, daß sie so vorlaut, so hochdaherfahrende Söhne so geschwind erzieht, von deren Kräften und Gaben gerade diese selbst am meisten wissen und reden!
[1143] Was macht den lyrischen Dichter? –
Was den Dichter überhaupt macht. Nicht Empfindung allein, nicht Phantasie allein. Man ist so geneigt, eine oder die andere vorherrschende Kraft bey sich oder andern als ein Kennzeichen, als den Ordensstern des berufenen Dichters anzunehmen. Die Phantasie allein ohne innige tiefe Empfindung wird nur einen Mischmasch willkührlicher oft abenteuerlicher Bilder hervorbringen. An einem zarten behenden Vermögen, leicht und daurend und klar gerührt zu werden von den mancherley Tönen und Anklängen der Natur, worunter ich etwa Empfindungsvermögen verstehe, muß sich erst die Wahrheit und Angemessenheit der Bilder, welche die Phantasie in uns hervorbringt, und ihre
Uebereinstimmung mit der Natur bewahren. Sie, die Empfindung ist's, welche die Phantasie läutern, und mit dem Urtheile zur Seite, wo die Empfindung sodann Geschmack, d. i. Schönheitssinn wird, vor Auswüchsen sichern muß. Dagegen wird Empfindung allein, wenn sie nicht unterstützt ist von einem bildenden Vermögen, das ihr die Formen herbeyschaffe, ihre, daß ich so sage, flüßigen Schätze darin zu bewahren, bald, ihrer Natur nach, zerrinnen, in's Leere verdunsten. Es ist ein unsicheres Urtheil, wenn man einer poetischen Komposition von sich selbst blos darum schon
Werth gibt, weil man sich lebhaft bewußt ist, unter den
Einflüssen der Empfindung sie verfertiget zu haben. Sie
kann mit Gefühl gedichtet seyn, und ist doch nicht poetisch.
Warum? Weil und sofern ihr der höhere Geist fehlt, den
der bildende Genius der Phantasie gibt.
Phantasie also und Empfindung im Bunde, aber nicht ohne Vernunft und Verstand - welche letzte mancher aberwitzig als etwas dem Dichter ganz entbehrliches, wo nicht gar hinderliches Geräthe zu betrachten geneigt ist – (deswegen es auch kein Wunder ist, daß man so viele alberne, unverständige Gedichte oft zu Markte gebracht sieht), sind die erforderlichen Eigenschaften des Dichters. Damit ist freylich jenes wunderbare Vermögen des eingebornen Genius noch nicht erklärt, das wir auch als unerklärbar nicht erklären wollen.
*
Nehmen wir an, in dem Dichter überhaupt offenbare sich ein reichbegabtes Gemüth, dem in der innern Tiefe ein Spiegel des Weltalls aufgeschlossen ist, und wollen wir den lyrischen Dichter besonders karakterisiren, so können wir sagen:
Wenn der epische Dichter den Blick mehr nach außen gerichtet hält, und klar und still eine Schöpfung nach der Aufeinanderfolge ihrer Theile als ein Ganzes vor uns entstehen und sich bewegen läßt; so kehrt das Auge des lyrischen Dichters mehr in sich: nur ein kleiner Theil der Natur – das Wort im weitesten Sinne hier genommen, nach welchem physische, sittliche, intellektuelle Natur darunter begriffen wird – beschäfftiget sein Inneres. Seine Anschauungsweise davon, seine Kontemplation desselben – denn der lyrische Dichter ist mehr kontemplativer Art, der epische bildnerischer – theilt er uns mit; aber auch das kleinere behandelt er als ein Ganzes.
Beyde Talente, das Talent des epischen und des lyrischen Dichters, können vereinigt
seyn. Klopstock ist Zeuge, wiewohl auch im Epos selbst sein lyrisches Talent oft zu sehr vorsticht.
Wenn der dramatische Dichter eine abgeschlossene Handlung vor uns entstehen läßt, und seiner Individualität sich begebend fremde Situationen und Karaktere, diese entwickelnd durch jene vor unsrer Einbildungskraft vorüber führt; so ist es bey'm lyrischen Dichter vorzüglich seine eigene Situation, in die er uns hineinführt, und bey welcher er zum Mitgefühle uns aufruft.
Sie wird um so interessanter seyn, je mehr sie rein menschlich ist, und ein Bild allgemeinen Gefühls in konkretem Falle darstellt.
Aber auch die Lyrik (wie keine philosophische Scheidekunst es sich vermessen kann, die Grenzen so abzustecken, daß sie nicht da oder dort ineinander laufen), kann von dem Dramatischen aufnehmen, und es ist eine Erweiterung ihres Gebietes, wo sie dies thut.
Wie greift sie dies an? Durch welche Mittel bewirkt sie es?
Nicht durch die zufällige dramatische Form des Dialogs.
Mehr durch die wesentliche innere Form der Handlung, oder auf pragmatischem Wege. Einmal, da Gefühl hauptsächlich ihr Gebiet ist, kann sie statt des subjektiven, von dem sie sonst ausgeht, fremdes Gefühl in einer fremden
[1144] erdichteten Situation schildern. Das idyllische Lied von Kleist, Amint: "Sie fliehet fort, es ist um mich geschehen, ein weiter Raum trennt Lalagen von mir," ist schon ein solcher Fall, ohne daß weiter hier Dialog statt findet. Ein Hirt wird angenommen, der um seine Geliebte trauert, die ihn verlassen hat. So auch das Lied eines Lappländers. In andern Fällen findet man den Dialog, wie in verschiedenen Horazischen, und wieder in einem Kleistischen, dem Horaz nachgebildeten:
"Donec eram gratus tibi."
Indeß ist hier noch wenig Handlung, Fortschritt, Hemmung des Fortschrittes durch einen unerwarteten Vorfall, und Auflösung dieser Hemmung durch einen neuen. Je mehr sich hier die lyrische Poesie in solchen erdichteten fremden Situationen dem dramatischen Gange nähert, je dramatischer wird sie.
Die Goethischen lyrischen Stücke haben dies häufig. Der ursprünglich mehr dem Dramatischen zugewendete Genius tritt auch hier in seiner Eigenthümlichkeit hervor. Auch in alten Volksliedern trifft man diese Weise häufig an.
Bey Goethe wird oft eine entfernte Begebenheit vorausgesetzt, und der Dichter läßt das Vergangene aus dem Nahen errathen.
Es treffen z. B. in einem schönen Dialoge bey ihm zwey Unbekannte zusammen. Ein Wanderer, in ein Landgut eintretend, grüßt eine schöne Pächterinn. Ueberrascht durch ihre Gestalt glaubt er eine ähnliche schon vor längerer Zeit in andern Verhältnissen unter glänzenden Umgebungen gesehen zu haben, die damals großen Eindruck auf ihn gemacht hat, der er selbst nicht gleichgültig geblieben zu seyn sich bewußt ist. Es offenbart sich im Gespräche, daß es nicht blos eine ähnliche, daß es eben jene ist, die jetzt, vom grossen Theater der Welt durch ungünstige äußere Umstände zurückgedrängt, sich mit ihrem Bruder hieher in diese ländliche Stille zurückgezogen, und das Gut eines Edelmannes, der, man weiß nicht warum, in die Weite hinaus sich verloren, von seinem Verwalter gepachtet hat. Es folgt die Erkennung. Das alte schöne Verhältniß, das in beyder Gemüthe unauslöschliche Spuren zurückgelassen hat, erneut sich. Sie erfährt im Gespräche, was sie nicht wußte, daß in dem erkannten Fremdlinge der Besitzer des Gutes, dessen Pacht sie übernommen hat, vor ihr steht, und daß sie es, wozu sie mit dem Bruder Lust zu haben äußerte, in Besitz bekommen kann, aber um den Preis ihrer Hand. Den weiteren Ausgang läßt der Dichter aus dem Angedeuteten errathen.
In wenigen Strophen ist hier der Stoff zu einer kleinen Erzählung dramatischlyrisch
behandelt – Es ist nichts überflüßiges – von der Materie der Sprache nur so viel aufgenommen, wie das überhaupt bey Goethe der Fall ist, um theils den Gang der bezeichneten Begebenheit
anzudeuten, theils die einfachen schönen Gefühle und Geständnisse darin erforderlich auszudrücken.
Wie Goethe das oft in einzelnen Gedichten thut, denen er eine dramatische Richtung gibt, und die er sonach dramatisch motivirt; so thut er dies noch öfter in einer Folge von Gedichten, die zusammengehören, eine sich wechselseitig erläuternde Reihe bilden, z. B. in den Elegien aus Rom, deren jedes für sich ein Ganzes ist, jede einen schönen Moment einer anziehenden Situation schildert, die dann aber zusammengenominen einen kleinen Roman der Liebe ausmachen; ferner auch in den Liedern von der schönen Müllerinn, die meist einzeln schon dialogisirt sind, sodann eine Folge von Situationen darstellen, die in Beziehung auf einander stehen, wo zuerst Geständniß der Liebe, Abweisung ohne Abneigung, Annäherung und Verrath, endlich Aussöhnung erfolgt, so daß in Verwickelung und Entwickelung hieraus ein heiteres Gemälde schön menschlicher Leidenschaft vor die Phantasie gezaubert wird.
Wenn andere Dichter von ältern und neuern, wie Horaz, Kleist oben genannt worden sind, und Klopstock vorzüglich auch hier angeführt werden darf, ihren lyrischen Produktionen schon mehr oder weniger eine dramatische Richtung gaben, so hat doch gewiß, wie aus den beygebrachten Beyspielen erhellt, keiner in dem Umfange es gethan, wie Goethe, und seine Kompositionen in diesem Fache dürfen daher mit Recht als eine Erweiterung des lyrischen Gebietes angesehen werden, nach welcher er diese Gattung aus den engern Gränzen in die allgemeinere der Poesie hinüber zu spielen gewußt hat.
Erstdruck und Druckvorlage
Morgenblatt für gebildete Stände.
Jg. 2, 1808:
Nr. 279, 21. November, S. 1113-1114.
Nr. 284, 26. November, S. 1134-1136.
Nr. 286, 29. November, S. 1143-1144.
Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck
(Editionsrichtlinien).
Morgenblatt für gebildete Stände
(ab 1837, Nr. 156: Morgenblatt für gebildete Leser) online
URL: https://digipress.digitale-sammlungen.de/calendar/newspaper/bsbmult00000491
URL: https://catalog.hathitrust.org/Record/008919640
URL: https://de.wikisource.org/wiki/Morgenblatt_(Cotta)
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Lyriktheorie » R. Brandmeyer