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Editionsbericht
Literatur
Aber dringender ist es doch einmal hinzutreten an die Wiege des Dichters und der Mythologie, die wir so lange schon von Fern in das Auge gefaßt.
Tausendmal schon ist von Denkern und von Nachbetern gesagt worden, daß die anfängliche Sprache aller Völker eine poetische war; daß sie durchaus die Darstellung des Anschauens zum Zwecke gehabt; daß sie der Begriffe sehr und der Ideen ganz ermangelte. Unnöthig ist es also jetzt noch hierüber weitläuftig zu seyn, und nur Weniges sey uns zu sagen vergönnt.
Alles Bestreben der Poesie überhaupt geht auf den Ausdruck des Eigenthümlichen der Anschauungen. Daß in diesen Ideen ausgedrückt seyen, ist eine Anforderung späterer Zeiten, von welcher die frühsten nie etwas geahnt. Darum blieb die ganze antike Welt stehn auf einer Stufe der Poesie, die von der Höhe unsrer Jahrhunderte herabgeseh'n immer die erste und niedrigere bleibt. In ihren Anfängen vollends vermag sie kaum über den Boden der ursprünglichen den Sinnen nur angemessenen Sprache sich zu erheben. Beyde nämlich waren zufrieden, wenn es ihnen gelang eine Reihe von Bildern vor die Seele zu führen, und das Wiedererkennen derselben in bunter Reihe
hervorzubringen. Arm an Worten, die irgend etwas anders bezeichnet hätten als das, was mit den Augen sich sehen, mit den Ohren sich hören, mit den Händen sich betasten ließ, war
[406] die Kindheit zufrieden in mannigfaltigen Versetzungen herzunennen und zusammenzuknüpfen, was sie einmal sich angeeignet. Sprach die Nothwendigkeit auf diese Art, so bezog sich die Rede, auf den Kreis der Geschäfte und Bedürfnisse, die in diesem Zeitalter sich vorfanden; aber in freyern Stunden, wo die Mittheilung einzig Erguß des Innern, entweder des Gefühls, dieser ersten Selbstanschauung, oder des Vorstellens äusserer Gegenstände war, da wurde nur das Ergötzlichste von dem was geschehn oder gethan worden in Anregung gebracht – und es freuten sich die Gemüther der Hörer an der Folge der buntesten und regsamsten Bilder eben so sehr als je an der frühern Anschauung. Der Ursprung aller Poesien scheint durch diese Bemerkung fast schon genugsam angedeutet, und kann leicht von diesem Punkt aus weiter verfolgt werden. Alles Neue nämlich, alles Kräftige und Vielwirkende, alles, wobey am meisten und am tiefsten angeschaut und empfunden werden konnte, war dem jugendlichen Menschen auch das Reizendste und Gefälligste. Nicht die todte Natur also, das, was ruhig und unveränderlich schien, sondern das was durch Wechsel in seiner Gestaltung, durch Bewegung, durch Ton, durch Thätigkeit aller Art Auge und Sinn am stärksten ergriff und das Gemüth am tiefsten durchdrang, das war es – was zur Darstellung herausgehoben und in Sprache und Gesang am liebsten eingehüllt wurde. Daß der Mensch und seine Kraft, seine unendliche Wirksamkeit bald vor allen andern Gegenständen aus die Anschauung seiner Brüder am meisten zu fesseln verstand, das ist der Natur der Sache gemäß. Große oder schöne Gestalt, und ungewöhnliches Vermögen nach aussen thätig zu seyn, Schnelligkeit, Stärke, Gewandtheit, das ganze Thun und
[407] Treiben hervorragender Menschen, war das erste, was tiefer und inniger den beschauenden Geist erregen und zum Darstellen solcher Wunder aufrufen mußte. Darum finden wir denn auch, daß die epische Poesie, die in der Schilderung dieser und ähnlicher Erscheinungen sich gefällt, die erste war, die mit Form und Gehalt bekleidet aus dem Chaos der poetischen Sprache der Urzeit ins Daseyn heraustrat.
Aber da der Mensch nun begann sein Auge mehr und mehr von der andringenden Aussenwelt zurück und auf das Innere seiner selbst zu richten; da er die Verwirrung seiner Gefühle zu lösen, und das Benennen und Bezeichnen von der Sinnenwelt jetzt auf die Geistige
in seinem Busen übertrug – entstand eine zweyte unerschöpfliche Folge von sinnvollen Tönen, die so wie die frühe ursprüngliche sich zu gestalten begann, und in der zweyten Form aller Poesie, in der geisterfüllten Lyrik erschien. –
Beyde umschließt mit liebendem Arm das Drama, diese Frucht der höchsten poetischen Ausbildung. In ihm tritt zusammen die Aussenwelt mit der, die nur im Gemüthe sich offenbaret. Das Handeln des Menschen und das Wirken der Natur, entweder mild unterstützend oder feindlich widerstehend – beydes tritt auf die Bühne, und umschlingt das Fühlen und das Denken innig und unzertrennlich. Das Eindringen des Aeussern, sey es selber Mensch, sey es Gott, sey es Universum – das Eindringen in ein empfangendes Gemüth, alles was wirkt, und wird, was wechselt und vorübergeht, kömmt herbey aus dem ruhigen Epos, um mit zweyfacher Kraft sich zu bewegen. Aber aus Lyrik verbindet mit ihm sich jetzt das Innwendige des Gemüthes, die Macht der Empfindung, die Gewalt
[408] der Leidenschaft, die Regung der Liebe, der Sturm des Hasses, die Kühnheit des Entschlusses, und der siegend hervorbrechenden Seele.
Erstdruck und Druckvorlage
Isis. Eine Monatschrift von Deutschen und Schweizerischen Gelehrten.
Bd. 3, 1806, Mai, S. 393-412.
Unser Auszug: S. 405-408.
Verfasserangabe im Inhaltsverzeichnis:
"Von H. Professor Weiß in Bern".
Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck
(Editionsrichtlinien).
Isis. Eine Monatschrift von Deutschen und Schweizerischen Gelehrten online
URL: ttps://catalog.hathitrust.org/Record/008889403
URL: https://www.digitale-sammlungen.de/de/details/bsb10613280
Zeitschriften-Repertorien
Literatur
Brandmeyer, Rudolf: Das historische Paradigma der subjektiven Gattung.
Zum Lyrikbegriff in Friedrich Schlegels "Geschichte der Poesie der Griechen und Römer".
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Edition
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