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Literatur
[349] 1. Wir sind jetzt in den unbedingten Gegensatz der Wissenschaft eingetreten, in den der Dichtkunst, und wenn erst von dieser bewiesen ist, daß sie nothwendig und wesentlich Sprachdarstellung fordere: so wird so fort erhellen, daß auch hier alles umgekehrt erfolgen müsse wie oben. Wir werden um diesen Gegensatz noch deutlicher zu machen, den §., der oben dem hier jedesmal entgegensteht, deutlich citiren. Jetzt ist es §.95.
2) Die Dichtkunst ist diejenige freie Darstellung der Einbildungskraft, welche das absolut Innere darstellt. §. 93. 16. Es wird nöthig seyn, hiebei zu erinnern, daß die Dichtkunst, wenn sie etwas Aeußeres an sich, z. B. im Epos, Drama u. s. w. darstellt, dies erst zu einem Innern macht, die Aeußerlichkeit innerlich darstellt.
[350] 3) Der Character der Dichtkunst muß auch in ihrer Darstellung liegen; und da ihre Darstellung eine freie ist: §. 6. 2. 3. a. so wird sie nach absoluter Verständlichkeit streben.
4) Die Dichtkunst stellt dar ein absolut Inneres und das Aeußere selbst mit dem Charakter des innerlich geworden Seyns, in ihrem Darstellungmaterial muß ein doppeltes Merkmal liegen, einmal muß es das Innere sowohl als das Aeußere darstellen können und darneben muß es noch das Innere an sich bezeichnen.
5) Die Dichtkunst ist ein Produkt der Imagination, auch dies muß ihrer Darstellung einen solchen Charakter geben, der sie sogleich von der Verstandes-Darstellung unterscheidet.
6) Unsere Frage ist demnach: Wie wird die Dichtkunst sich darstellen lassen als frei, imaginativ und als Inneres?
7) Die Darstellung hat zwei Formen, §. 7. die Nachahmung und das willkührliche Zeichen. Da die Nachahmung §. 7. 2. eine absolute Verständlichkeit mit sich führt, so ist sie unstreitig dasjenige, was sich den freien Darstellungen anschließt, dies wird noch klarer, wenn man erwägt, daß das nachahmende Zeichen unmittelbar der Einbildungskraft, und in dieser Hinsicht dem imaginativen Produkt am nächsten liegt.
[351] 8) Die Nachahmungen sind entweder räumlich, oder successiv §. 7. 6. und es kann keinem Zweifel unterworfen seyn, daß die Dichtkunst, welche etwas absolut Inneres ist §. 93. 16. und sogar das Aeußere in ein Inneres auflößt, sich für die Reihen ihrer Bilder successiver Nachahmungen bedienen müsse.
9) Nach §.7. 7. aber, wenden sich alle successive Zeichen an das Gehör, und daher muß das Material, in welchem die Dichtkunst darstellt, ein successives, nachahmendes Gehörszeichen seyn.
10) Dazu qualificirt sich in jeder Hinsicht der Ton. Er ist ein successives Gehörszeichen §. 10. 1, er ist, wie ihn die Musik braucht, nachahmend, folglich absolut verständlich und imaginativ, er drückt das Innere, die Empfindung aus.
11) Aber eben diese lektere Eigenschaft macht ihn für die Darstellung der Dichtkunst unbrauchbar. Denn der Ton drückt nur das Innere als Inneres äußerlich aus, die Dichtkunst aber, will das Aeußere, sofern es innerlich geworden, als innerlich gewordenes Aeußerliche ausdrücken. Nr. 4
12) Könnten wir daher dem Tone das Nachahmende lassen, ihm aber die Einseitigkeit nehmen, daß er Empfindungen allgemein und als solche ausdrückt, ihm dagegen hinzufügen, daß er Sphären [352] und Aeußeres darstellte, so wäre das Gesuchte gefunden.
13) Dies geschieht durch die Articulation, und also durch den articulirten Ton, durch die Sprachzeichen, welche demnach das einige Darstellungsmaterial der Dichtkunst seyn können.
14) Allein dies hat uns dem Anscheine nach, ganz von unserer Bahn verschlagen, denn indem wir den nachahmenden Ton auf die Articulation überzutragen genöthigt sind und er also Sprachzeichen wird, geht seine nachahmende Kraft verloren, welche nie sehr groß ist §. 12. 4. 5. 15-24. d, und wir haben statt der nachahmenden Zeichen willkührliche erhalten.
15) Da aber die Dichtkunst nothwendig auf articulirte Töne führt und diese eben so nothwendig willkührlich sind, so muß das Bestreben des Dichters darauf gerichtet seyn, diese willkührlichen Zeichen in nachahmende zu verwandeln und sie das durch zur absoluten Verständlichkeit zu erheben, wenigstens sle näher an dieselbe zu führen. So wie demnach oben der Prosaist der höchsten Art der Philosoph nemlich, das Imaginative der Sprachzeichen vernichtete, eben so sehr muß es der Dichter aussuchen und wiederherstellen,
16) Das Produkt der Dichtkunst als ein In[353]neres und unendliches Streben und Erstrebtes der Intelligenz fällt unter die Geschichte, auch dies drückt die Darstellungsform sehr glücklich durch die partielle Verständlichkeit der Sprache aus. Jedes Produkt der Dichtkunst drückt eine bestimmte Nation, einen bestimmten Zeitpunkt in ihrer Geschichte, und durch den Styl einen einzelnen Verfasser aus §. 14. 12. §. 10. 3. Alle bildende Kunst dagegen hat ihr Urbild in der Natur und ist durch dasselbe ihrer Form nach eingeschränkt, sie hat ein feststehendes, mehr oder weniger erreichtes Ideal.
17) Allein die Willkühr des Sprachzeichens hat verschiedene Grade, und es muß daher als Princip festgesetzt werden, je höher die Poesie, je nachahmender und musikalischer das Zeichen, je näher der Prosa, je willkührlicher und unsinnlicher die Sprache.
1) Dieser §. ist der Gegensatz zu dem §. 96. — Durch den vorigen §. ist erwiesen: Soll es eine Kunst mit den daselbst genannten Eigenschaften geben: so muß ihre Darstellung nothwendig Sprachdarstellung seyn und das Wesen dieser Sprachdartellung ist: Verhältnismäßige Erhöhung des imaginativen Stoffs in der Sprache und Erhebung [354] der Willkühr des Sprachzeichens, oder articulirten Tons, zur Nachahmung oder zum musikalischen Ton.
2) Die Kunst, §. 93. 10. und also auch die Dichtkunst, strebt durch Darstellung des Individuums, durch die Form des Realen, nach dem Idealen und Allgemeinen. Dieses Streben, so fern es sich in der Sprachdarstellung äußert, erhält den Namen: der Dichtkunst oder Poesie.
3) Die Poesie ist demnach diejenige Sprachdarstellung, welche ausdrückt: den Schein, die Idealität, die Schonheit und je mehr die poetische Gattung sich der Prosa nähert, nehmen diese Merkmale ab, und die prosatschen §. 96. 3. erhalten das Uebergewicht.
4) Eine Erläuterung giebt die höchste Gattung der Poesie, die lyrische. Wie anders stellt der lyrische Dichter dar, seine Worte, Wendungen, das Sylbenmaaß, wie ganz anders gegen den Roman, dem das Sylbenmaaß gänzlich fehlt, und der sich in Worten und Wendungen, der Sprache des gemeinen Lebens anschließt.
5) Die Erhöhung des articulirten Tons zum musikalischen aber, kann doppelt geschehen, einmahl formal und dann ist das Produkt das Metrum, [355] sodann material, dann liegt es in der Wahl der Worte und deren Vokalumschwung.
6) So fern wir daher die Poesie der Prosa entgegenstellen, so können wir ihres imaginativen Strebens wegen, die erstere positiv: für Sprachdarstellung durch das Metrum erklären.
7) Und jetzt können wir nach Anleitung von §. 93. 20. 23. 24. als Gattungen der Dichtkunst festsetzen: dle lyrische, epische und dramatische, an welche sich nach §. 94. 9. die Gattungen der prosaischen Poesie schließen: der Roman, das bürgerliche Drama und die poetische Prosa, wovon der erste der Gegensatz zwischen Geschichte und Dichtkunst, die andern aber abgeleitete Glieder aus dem Roman sind.
8) Hiemit wäre die Ordnung der folgenden Untersuchungen genau bestimmt, wir müssen aber dennoch folgende Anmerkungen hinzufügen:
a) Wir entdeckten oben §. 97. in der Reihe der Wissenschaften einen Unterschied, welcher auf die Sprachdarstellung einen bedeutenden Einfluß hatte, denn sie trennten sich in formale und successive, dergleichen haben wir hier keinesweges in den Dichtarten entdeckt und so werden wir für die poetische Sprache nicht zweier, sondern eines Princips bedürfen und [356] eine Gegenüberstellung mit dem §. 97. wird nicht nothig seyn.
b) Die Erhebung des willkührlichen Zeichens formaliter zum Nachahmenden durch das Metrum, übergehen wir, welches sonst bei dem § von der poetischen Sprache vorkommen müßte. Die Grunde dazu sind mannigfaltig.
aa) Erstlich ist das Metrum selbst ein Fortchritt in der Sprache zum höchsten Gipfel, nehmlich zur interjectionalen Darstellung.
bb) Zweitens fallen alle seine Principien in die Elementarreihe der Sprache, keinesweges aber in die Begriffsreihe, und daher würde es hier nur Verwirrungen anrichten, wenn wir bei Gelegenheit der poetischen Sprache eine so weitläuftige, verwickelte Untersuchung, deren Principien in ganz andern Regionen liegen, anstellen wollten.
Wir gehen nach diesen Erinnerungen sogleich zum grammatischen Prinzip der Poesie über.
Erstdruck und Druckvorlage
A. F. Bernhardi: Anfangsgründe der Sprachwissenschaft.
Berlin: Frölich 1805, S. 349-356.
Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck
(Editionsrichtlinien).
URL: https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10582808
URL: https://books.google.fr/books?id=iLsPAAAAQAAJ
URL: https://archive.org/details/anfangsgrndeder00berngoog
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Lyriktheorie » R. Brandmeyer