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Editionsbericht
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Literatur
[105] Nun war es wieder wie ein Vorhang niedergefallen, seinem Blicke öffnete sich die Ebene wieder, die kahlen Felsen unter ihm verloren sich lieblich in dem grünen Gemisch der Wälder und Wiesen, die unfreundliche Natur war verschwunden, sie war mit der lieblichen Aussicht eins, von dem übrigen verschönert, diente sie selber die andern Gegenstände zu verschönern. Da lag die Herrlichkeit der Ströme vor ihm ausgebreitet, er glaubte vor den plötzlichen Anblick der weiten, unendlichen, mannigfaltigen Natur zu vergehn, denn es war, als wenn sie mit herzdurchdringende Stimme zu ihm hinaufsprach, als wenn sie mit feurigen Augen vom Himmel und aus dem glänzenden Strom heraus nach ihm blickte, mit ihren Riesengliedern nach ihm hindeutete. Franz streckte die Arme aus, als wenn er etwas Unsichtbares an sein ungeduldiges Herz drücken [106] wollte, als möchte er nun erfassen und festhalten, wonach ihm die Sehnsucht so lange gedrängt: die Wolken zogen unten am Horizont durch den blauen Himmel, die Wiederscheine und die Schatten streckten sich auf den Wiesen aus, und wechselten mit ihren Farben, fremde Wundertöne gingen den Berg hinab, und Franz fühlte sich wie festgezaubert, wie ein Gebannter, den die zaubernde Gewalt stehen heißt, und der sich dem unsichtbaren Kreise, trotz alles Bestrebens, nicht entreißen kann.
O, unmächtige Kunst! rief er aus, und setzte sich auf eine grüne Felsenbank nieder; wie lallend und kindisch sind Deine Töne, gegen den vollen harmonischen Orgelgesang, der aus den innersten Tiefen, aus Berg und Thal und Wald und Stromesglanz in schwellenden, steigenden Akkorden heraufquillt. Ich höre, ich vernehme, wie der [107] ewige Weltgeist mit meisterndem Finger die furchtbare Harfe mit allen ihren Klängen greift, wie die mannigfaltigsten Gebilde sich seinem Spiel erzeugen, und umher und über die ganze Natur sich mit geistigen Flügeln ausbreiten. Die Begeisterung meines kleinen Menschenherzens will hineingreifen, und ringt sich müde und matt im Kampfe mit dem Hohen, der die Natur leise lieblich regiert, und mein Hindrängen zu ihm, mein Winken nach Hülfe in dieser Allmacht der Schönheit vielleicht nicht gewahrt. Die unsterbliche Melodie jauchzt, jubelt und stürmt über mich hinweg, zu Boden geworfen schwindelt mein Blick und starren meine Sinnen. O, ihr Thörichten! die ihr der Meinung seyd, die allgewaltige Natur lasse sich verschönen, wenn ihr nur mit Kunstgriffen und kleinlicher Hinterlist eurer Ohnmacht zu Hülfe eilt, was könnt ihr anders, als uns die [108] Natur nur ahnden lassen, wenn die Natur uns die Ahndung der Gottheit giebt? Nicht Ahndung, nicht Vorgefühl, urkräftige Empfindung selbst, sichtbar wandelt hier auf Höhen und Tiefen die Religion, empfängt und trägt mit gütigem Erbarmen auch meine Anbetung. Die Hieroglyphe, die das Höchste, die Gott bezeichnet, liegt da vor mir in thätiger Wirksamkeit, in Arbeit, sich selber aufzulösen und auszusprechen, ich fühle die Bewegung, das Räthsel im Begriff zu schwinden, — und fühle meine Menschheit. — Die höchste Kunst kann sich nur selbst erklären, sie ist ein Gesang, deren Inhalt nur sie selbst zu seyn vermag.
Erstdruck und Druckvorlage
Franz Sternbalds Wanderungen. Eine altdeutsche Geschichte
herausgegeben von Ludwig Tieck.
Zweiter Theil. Berlin: Unger 1798.
Unser Auszug: S. 105-108 (Kap. 5).
Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck
(Editionsrichtlinien).
URL: https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10925358
URL: https://www.deutschestextarchiv.de/tieck_sternbald02_1798
Kommentierte und kritische Ausgabe
Werkverzeichnis
Verzeichnisse
Schmitz, Walter / Strobel, Jochen: Repertorium der Briefwechsel Ludwig Tiecks.
CD-ROM.
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In: Ludwig Tieck. Leben – Werk – Wirkung.
Hrsg. von Claudia Stockinger u.a.
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Minnelieder aus dem Schwäbischen Zeitalter
neu bearbeitet und herausgegeben von Ludewig Tieck.
Berlin: Realschulbuchhandlung 1803.
PURL: https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10925355
URL: https://archive.org/details/minneliederausde00tiec
PURL: https://hdl.handle.net/2027/nyp.33433075757124
URL: https://books.google.fr/books?id=3zonAAAAMAAJ
Tieck, Ludwig: Gedichte.
Erster Theil. Dresden: Hilscher 1821.
PURL: https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10121486
PURL: https://hdl.handle.net/2027/mdp.39015014668399
URL: https://books.google.fr/books?id=UT87AAAAcAAJ
Tieck, Ludwig: Gedichte.
Zweiter Theil. Dresden: Hilscher 1821.
PURL: https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10121487
PURL: https://hdl.handle.net/2027/mdp.39015014668407
URL: https://books.google.fr/books?id=WD87AAAAcAAJ
Tieck, Ludwig: Gedichte.
Dritter Theil. Dresden: Hilscher 1823.
PURL: https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10121488
PURL: https://hdl.handle.net/2027/mdp.39015014668415
URL: https://books.google.fr/books?id=cT87AAAAcAAJ
Tieck, Ludwig: Kritische Schriften.
Bd. 1. Leipzig: Brockhaus 1848
PURL: https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10574784
URL: https://archive.org/details/kritischeschrif01tiecgoog
PURL: https://hdl.handle.net/2027/mdp.39015003500793
Tieck, Ludwig: Kritische Schriften.
Bd. 2. Leipzig: Brockhaus 1848
PURL: http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10574785-2
URL: https://archive.org/details/kritischeschrif05tiecgoog
PURL: https://hdl.handle.net/2027/mdp.39015005211829
Tieck, Ludwig: Kritische Schriften.
Bd. 3 (Dramaturgische Blätter. Erster Theil).
Leipzig: Brockhaus 1852
PURL: https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10574786
URL: https://archive.org/details/kritischeschrif00unkngoog
PURL: https://hdl.handle.net/2027/mdp.39015005023612
Tieck, Ludwig: Kritische Schriften.
Bd. 4 (Dramaturgische Blätter. Zweiter Theil).
Leipzig: Brockhaus 1852
PURL: https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10574787-2
URL: https://archive.org/details/kritischeschrif04tiecgoog
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Edition
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