Johann Georg Walch

 

 

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Philosophisches Lexikon

Poesie,

 

Ist eine Art der Wohlredenheit, da wir durch Hülffe des Ingenii unsere Haupt-Gedancken in allerhand sinnreichen und artigen Neben-Gedancken, oder Bildern und Vorstellungen einkleiden, es geschehe dieses in ungebundener, oder gebundener Rede. Das Wesen der wahren Poesie bestehet in einer artigen und geschickten Dichtkunst, daß nemlich die Dichtungen wenigstens den Schein einer Wahrscheinlichkeit haben, und der Haupt-Sache, welche darunter vorgestellet wird, in allen Stücken gemäß sind. In solchen artigen Gedancken stecket der Kern der Poeterey, und das, was die Frantzosen vn bel esprit nennen und ein Poet scheinen in der That eines zu seyn. Der alten ihre poetische Raserey ist wohl nichts anders, als die durchdrin[2020]gende und lebendige Würckung der Imagination und des Ingenii, davon Casaubonus de enthusiasmo c. 5 Petitus, Feller, Morhof, Zentgrav, Kortholt in besondern disput. de furore poetico, Borrichius in oration. part. 1. p. 247. Hanschius de enthusiasm. Platonis sect. 2. §. 10. p. 18. nachzulesen; wiewohl nicht unwahrscheinlich, daß die Meynung von dieser Raserey ihren Ursprung von der verstellten und erdichteten Raserey der heydnischen Priester bey den Oraculn genommen; und was einige auch zu unsern Zeiten von dem, was in den menschlichen Wissenschafften, und auch in der Poesie göttlich ist, fürgegeben, beruhet auf schlechtem Grund, besonders wenn sie durch das göttliche etwas übernatürliches, das keines Menschen Verstand gebrauchen kan, verstehen, s. Thomasium in den Monats-Gesprächen 1688. in Nonembr. p. 593. sqq. In Ansehung dieser naturlichen Krafft geschickt zu dichten, finden wir zweyerley Arten der Poeten, welche mit ihrer Poesie schlechte Ehre einlegen. Einigen fehlt es am Naturell, deren poetische Geburten so mager, so dürre und dermassen elend sind, daß darinnen nicht das geringste Leben anzutreffen. Was diesen fehlet, das haben hingegen andere am Uberfluß, welche ihrer Imagination und Zusammen-Reimungs-Krafft zu vielen Platz machen, und dasjenige was bey einem Gedichte artig und wohlanständig heist, nicht in acht nehmen, woher denn das gemeine Sprichwort entstanden ist: Poeten sind Narren. Man lese Menckens declam. de charlat. erud. p. 132. sqq. ed. 3..

Wir theilen die Poesie in eine ungebudene und in eine gebundene: bey jener geschicht der Vortrag in ungebundener; bey dieser aber in gebundener Rede, welches letztere eben die Versmacher-Kunst ist, da man die Worte in Reimen, oder in eine gewisse Cadence zwinget. Gleichwie man Poesien ohne Versen hat; also kan iemand Verse machen, ohne einige Dichtungen mit einzumischen, welches die Versmacher-Kunst an sich selbst ist, die man billig für eine Sache von geringem Werth ansiehet. Demnach erstreckt sich das Poetische Reich viel weiter, als es ordentlich geglaubet wird, angesehn die Comödien, Satyren, Romanen, Gespräche, Sinn-Bilder und dergleichen natürliche Früchte der Dichtkunst sind. Die Comödien und Opern müssen etwas satyrisches an sich haben, und lebendige Vorstellungen des gemeinen Lauffs der Welt und deren Thorheit seyn. Die vornehmste Eigenschafft einer Satyre bestehet darinnen, daß sie zweideutig geschrieben; doch so, daß der Leser den verborgenen Verstand and die rechte Meynung ohne sonderbahre Mühe errathen kan. Ein Roman-Schreiber muß zusehen, daß seine Dichtungen nicht wieder die Natur lauffen; noch den geringsten Schein einiger Wahrscheinlichkeit haben, dawieder viele anstossen, [2021] wenn sie sich die Menschen anders fürstellen, als sie sind und die Liebes-Begebenheiten sich so abstract einbilden, daß man kaum einem Engel dergleichen Conduite zutrauen solte: von ihren Helden rühmen sie gantz unglaubliche Thaten, und in den erdichteten Reden nehmen sie den Caracter der Personen, die sie hervorbringen, nicht in acht, u. s. w. Der Nutzen, den man in den Romanen suchet, solt darinnen bestehen, daß man die unterschiedene Neigungen und Arten der menschlischen Natur daraus erkennen lerne, seinen Verstand schärfe, und zu der Klugheit sich behutsam aufzuführen, Anleitung bekomme; es ist aber der Schade, der daher entstehet, weit grösser. Die Gespräche, welche zur Poesie gehören, müssen allerhand Erfindungen seyn, welche die Leser belustigen, dabey die gröste Kunst ist, daß man den Caracter der Personen, die man redend einführet, trifft und behält. Dieses Kunst-Stück muß auch der Leser wissen, und sich in acht nehmen, daß er dem Verfertiger des Gesprächs nicht eine fremde Meynung andichte. Vielmehr muß er durch fleißiges Nachdencken die Person heraussuchen, unter welcher sich der Auctor hat verbergen wollen. In Sinn-Bildern hüte man sich, sich, daß man nicht auf eine lächerliche Spitzfündigkeit verfalle, noch solche Sinn-Bilder mache, darinnen nicht die geringste artige und scharffsinnige Gedancke anzutreffen, s. Thomasii cautel. circ. præcogu. iurispr. c. 8. §. 24. sqq.

Von dem Werth und Nutzen der Poesie sind die Gedancken der Gelehrten gar ungleich. Scaliger wolte die Verächter derselben nicht vor Menschen gelten lassen, und wenn man die Schrifften derjenigen ansiehet, welche allzusehr sich in dieselbe verliebet, so trifft man eine grosse Menge Lob-Sprüche von ihr an. Wie unvergleichlich werden nicht Homerus und Virgilius herausgestrichen, und was sind nicht in den letztverwichenen Jahren wegen des erstern vor Feder-Kriege in Franckreich geführet worden? Anderer Gedancken ist Tanaqvill Faber in dem kleinen Werckgen de futilitate poetices, welcher dieselbe gar gering achtet, wobey auch Clere tom. 1. parrhasian. nachzulesen, wiewohl 1698. wieder die berührte Schrifft des Fabers eine besondere exercitat, vom Herrn Schützen zu Leipzig herauskam. Der Herr Buddeus meynet in select. iur. nat. & gent. p. 315. wenn die Poesie behutsam getrieben würde, sey solche nicht zu verwerffen, woferne man sie aber zu einem bösen Endzweck und zur Belustigung der eitlen Affecten brauchen wolte, wäre besser, sich mit selbiger nicht einzulassen, wobey auch Vockerodt in consulat. p. 128. zu lesen. Bey Beurtheilung dieses Puncts muß man die Dichtkunst mit der Versmacherey, und das Wesen der Poesie an sich selbst mit dem Mißbrauch derselben nicht vermischen. Die Versmacherey, wie [2022] sie oben beschrieben worden, ist von schlechtem Nutzen, indem sie weiter nichts, als einen angenehmen Klang in den Ohren verursachet; die Dichtkunst aber bringt ihren Nutzen in der Schärffung des Ingenii, wodurch hernach ganz besondere Früchte in der Kunst mit andern umzugehen erwachsen; doch muß man hierinnen in den Schrancken bleiben und dem Judicio keinen Schaden thun, weil man sonst dergleichen Poeten in Gesellschafften als lustige Räthe zu brauchen pflegt, auch selbige nicht zu einem Instrument der bösen Affecten brauchen. Studirenden der Rechten wird die Dicht-Kunst deswegen für nützlich gehalten, weil sie zum öfftern bey Erklärung der Gesetze den casum legis durch eine scharfsinnige Dichtung selbst erdencken müsten. Von der Eloqventz, oder Beredsamkeit ist sie eine Schwester, wobey wir uns einer Frage erinnern: ob Poeten zugleich grosses Glück in der Beredsamkeit haben? Es hat Mr. de la Monnoye eine Rede gehalten, darinnen er die Materie ausführte, daß gemeiniglich die Redner zugleich nicht gute Poeten gewesen, und daß die Poeten ordentlich sich nicht glücklich in der Beredsamkeit gesehen. Er berufft sich auf den Ciceronem, dessen poetische Arbeit schlechten Beyfall gefunden, und zeiget, wie Virgilii und Horatii Schriften in der Beredsamkeit gleichfalls kein groß Aufsehen gemacht, s. la clef du Cabinet des Princ. Juillet 1714, p. 67. Unsers Erachtens läßt sich diese Frage so schlechterdings nicht verneinen, indem man nicht nur den angeführten Exempeln gegenseitige Exempel entgegen stellen kan, wie wir dergleichen unter den teutschen Poeten an dem vortreflichen Herrn von Lohenstein, und noch heut zu Tage an dem Herrn von Besser finden; sondern auch nicht schwer darzuthun ist, wie die Poesie und Beredsamkeit sich gar wohl beysammen aufhalten können, wenn nemlich das Naturell und die emsige Ubung in beyden mit einander verknüpfft werden. Doch geht es leichter an, daß ein Poet in der Eloqventz was vor sich bringt, als daß ein Redner in der Poesie grosse Thaten thun könne, weil ein besonderes Naturell dazu erfordert wird.

Wer sich auf die Poesie legen will, der prüfe erstlich sein Naturell, welche Prüfung auf zwey Stücke ankommt: erstlich auf die Begierde zur Poesie, und ob dasjenige, was uns zu selbiger anreitzet, ein natürlicher Trieb; oder nur ein gemachtes Verlangen sey? Ist das letzte, so lasse man das Dichten bleiben; verspüret man aber von Natur zur Poesie eine sonderliche Begierde, so forsche man, wie weit sie gehe, und ob man ein blosser Versmacher; oder ein rechtschaffener Dichter zu werden gedencke. Das erste ist am allergemeinsten, und braucht schlechte Mühe; das andere aber erfordert was mehrers, dahers man auch das andere Stück des Naturells, [2023] oder die natürliche Fähigkeit zum Dichten prüfen und erforschen muß. Wer von Natur nicht darzu geschickt ist, der verwirre sich mit dem Dichten nicht, und dencke: poetæ nascuntur, non fiunt. Es ist eine Mitleidenswürdige Ubung, die man heut zu Tage auf den meisten Schulen unter dem Nahmen der Poesie ohne Unterscheid mit allen und jeden jungen Leuten treibet, da doch unter zwantzig Köpffen mehrentheils kaum einer, oder zwey zur wahren Poesie von Natur fähig sind. Hat aber einer ein Naturell und eine Fähigkeit zum Dichten, so muß er solche durch Lesung poetischer Schrifften, durch fleißige Ubung, durch eine Erfahrung und Erkänntnis anderer Wissenschafften verstärcken, verbessern und in eine geschickte Fertigkeit bringen. Die poetischen Schrifften sind entweder Einleitungen zur Poesie, oder es sind Gedichte und in Ansehung der erstern hat man sich mehr um solche Regeln, die einem zeigen was man vor Thorheiten bey den Erfindungen vermeiden musse, als um viele positive, die eigentlich Anleitung zu dieser Kunst geben solten, zu bekümmern, wobey die Schrifften des Aristotelis und Horatii, und von den neuern des Scaligers, Rapins, Boileau, Bessü und anderer zu lesen. Die Poeten selbst sind nicht von einer Sorte. Unter den Griechen hat in heroischen Gedichten den Vorzug Homerus; in Tragödien Sophocles; in Oden Pindarus und Anacreon. Von den Römern kan man in verliebten Sachen den Ovidium; in Tragödien den Senecam; in Oden den Horatium; in Lob-Gedichten den Claudianum; in Satyrischen den Juvenalem und Persium; in Helden- und Schäfer-Gedichten den Virgilium lesen. Von den neuern Ausländern sind berühmt sonderlich in geistlichen Sachen die Engelländer; in scharffsinnigen, in Oden und in Schäfer-Gedichten die Italiäner; in satyrischen die Holländer; in galanten aber, in Lob-Gedichten und Schau-Spielen die Frantzosen. Teutschland kan auch die geschicktesten Poeten von allerhand Gattungen aufweisen, und sind hierinnen der Herr von Lohenstein, Hoffmanns-Waldau, Gryphius, Abschaz, Canitz, Neukirch, Besser, Philander von der Linde, Neumeister, Amaranthes, Menantes, Brockes, Amthor und andere bekannt. Die stetige Ubung muß den gelegten Grund weiter hinaus führen, und ein Poet suchet billig eine Erfahrung in historischen Sachen. Es haben die Gedichte, wenn ein Poet was schreibet, das er selbst empfunden, vielmehr Geist und Leben, wie denn verschiedene erinnert, daß derienige gar schlecht in verliebten Gedichten zu rechte kommen würde, der nicht selbst erfahren, was die Liebe vor ein Ding sey. Unter den philosophischen Wissenschafften hat ein Poet die Logic nicht bey seite zu setzen, und die Moral muß ihm [2024] den Weg zu der Erforschung der menschlichen Gemüther weisen, s. Rabeners disp. de natural. & philos. subsidiis poëseos.

Von der Historie der Poesie sind viele Bücher vorhanden. Von der Hebräischen handeln Pfeiffer in diatr. de poësi Ebr. und in dub. vexat. p. 537. sqq. van Til von der Sing- und Dicht-Kunst der alten Hebraer. Garofali della poësia dei Hebræi & Greci; von der griechischen und lateinischen Gyraldus in histor. poëtar. Vossius de poëtis græcis & latinis, Borrichius in dissert. de poëtis, Fabricius in bibl. græc. und lat. Morhof in polyhist. Tanaqv. Faber in viris poëtar. græcor. von der teutschen Morhof von der teutschen Sprache, Neumeister de poëtis germanicis, Reimmann in histor. litter. der Teutschen l. 2. sect. 3. und überhaupt Stolle in der Historie der Gelahrheit part. 1. c. 5. Anleitung zu der teutschen Poesie haben geschrieben Morhof in gedachtem Buch von der teutschen Poesie und Sprache; Omels in der gründlichen Anleitung zur teutschen accuraten Reim- und Dicht-Kunst; Ludwig in der teutschen Poesie dieser Zeit; Uhse in dem wohl-informirten Poeten; Weise in den curieusen Gedancken von teutschen Versen; Rotthe in der teutschen Poesie, Menantes in der allerneuesten Art zur reinen und galanten Poesie zu gelangen.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Philosophisches Lexikon,
Darinnen Die in allen Theilen der Philosophie, als Logic, Metaphysic, Physic, Pnevmatic, Ethic, natürlichen Theologie und Rechts-Gelehrsamkeit, wie auch Politic fürkommenden Materien und Kunst-Wörter erkläret und aus der Historie erläutert; die Streitigkeiten der ältern und neuern Philosophen erzehlet, die dahin gehörigen Bücher und Schrifften angeführet, und alles nach Alphabetischer Ordnung vorgestellet werden,
Mit nöthigen Registern versehen und herausgegeben von Johann Georg Walch.
Leipzig: Gleditsch 1726, Sp. 2019-2024.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

PURL: https://hdl.handle.net/2027/njp.32101078171251
URL: https://books.google.fr/books?id=JTRPAAAAYAAJ
URL: https://gdz.sub.uni-goettingen.de/id/PPN319269612
URL: https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10047274

 

 

 

Literatur

Billi, Mirella: Johnson's Beauties. The Lexicon of the Aesthetics in the Dictionary. In: Textus. English Studies in Italy 19.1 (2006), S. 131-150.

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Farnbauer, Sophia / Schäufele, Wolf-Friedrich (Hrsg.): Übergangstheologie und theologischer Wolffianismus. Neue Perspektiven zum Beginn der protestantischen Aufklärungstheologie. Leipzig 2025.

Rodriguez, Antonio (Hrsg.): Dictionnaire du lyrique. Poésie, arts, médias. Paris 2024.

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Lyriktheorie » R. Brandmeyer