Rainer Maria Rilke

 

 

Brief an Clara Rilke

 

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Capri, Villa Discopoli, am 8. März 1907

. . . mein Brief hat sich mit Deiner schönen Beschreibung der abendlichen Ausfahrten gekreuzt, von denen ich durch Deine geistesgegenwärtigen Worte mehr empfing, als Du vielleicht im raschen Niederschreiben mit ihnen zu umfassen hofftest. Deine Notizen sind sehr gut und sicher und entschlossen, und wenn Du sie hier mit mir wiederliest, wirst Du überrascht sein, so viel in ihnen untergebracht zu sehen. Dann wird sich manches, vieles, alles andere ergänzend und erweiternd, dazu hinzufinden, und vielleicht können wir aus dem Ganzen eine ägyptische Reise zusammenstellen, wie noch niemand sie zu machen und zu erzählen gewußt hat. Sammele nur noch viele Eindrücke; denk nicht an Briefe, die berichten und sich verständlich machen müssen; nimm mit raschen Fangbewegungen noch das und jenes herein: rasch Vorübergehendes, Einblicke, kurze aufblitzende Aufschlüsse, die eine Sekunde in Dir andauern, unter dem Einfluß irgendeiner Begebenheit; alles das Unwichtige, das oft bedeutsam wird durch eine vorübergehende Intensität unseres Sehens oder weil es an einer Stelle vor sich geht, wo es vollkommen wird in all seiner Nebensächlichkeit und un[214]aufhörlich gültig und von tiefer Deutsamkeit für irgendeine persönliche Einsicht, die, im selben Augenblick in uns auftretend, mit jenem Bild sinnvoll zusammenfällt. Das Anschauen ist eine so wunderbare Sache, von der wir so wenig wissen; wir sind mit ihm ganz nach außen gekehrt, aber gerade wenn wirs am meisten sind, scheinen in uns Dinge vor sich zu gehen, die auf das Unbeobachtetsein sehnsüchtig gewartet haben, und während sie sich, intakt und seltsam anonym, in uns vollziehen, ohne uns, – wächst in dem Gegenstand draußen ihre Bedeutung heran, ein überzeugender, starker, – ihr einzig möglicher Name, in dem wir das Geschehnis in unserem Innern selig und ehrerbietig erkennen, ohne selbst daran heranzureichen, es nur ganz leise, ganz von fern, unter den Zeichen eines eben noch fremden und schon im nächsten Augenblick aufs neue entfremdeten Dinges begreifend –. Mir geht es jetzt oft so, daß irgendein Gesicht mich so anrührt; am Morgen z.B., so wie sie jetzt meistens hier einsetzen; man hat schon viel Sonne gehabt ganz früh, eine Menge Helligkeit, und wenn dann plötzlich im Schatten einer Gasse ein Gesicht einem hingehalten wird, so sieht man, unter dem Einfluß des Kontrastes, sein Wesen mit solcher Deutlichkeit (Deutlichkeit der Nuancen), daß der momentane Eindruck sich unwillkürlich zum symbolischen steigert. Mehr denn je wünsche ich jemanden her, der malen könnte; ernstlich malen. Neulich erst noch. Stell Dir vor: [215] eine grüne rechteckige Wiese, flach gegen das geneigte, schwerblaue Meer, neben welches sie hingesetzt war, ohne daß man den senkrechten Abfall alter Unterbauten sah, der allein sie davon abtrennte. Auf dieser Wiese sitzend eine Frau in Rhabarberrot und Orange, eine andere in einem welken Grün hin und hergehend unter den aufgehängten, weißen Laken und Tischtüchern, die an Leinen trockneten, auf das Abgewandeltste vom Wind bewegt, bald hohl und eingezogen, voller durchscheinender Schatten, bald blendend herausgedrückt, immer wieder unterbrochen von dem deutlichen Blau des Meeres und überflossen von dem fortwährend über alles niederkommenden Himmel . . . usf. Ob das P.B. Freude machen würde? Es ist eine wahre Sünde, es mit Tinte hinzuschreiben. Warum kommt denn kein Maler und treibt die Händler aus dem Tempel und tut, was zu tun so nötig und so selbstverständlich wäre?

Ja also nochmals, mach viele sogar nicht wieder durchgelesene Notizen (denn beim Durchlesen ist man ungerecht, und vieles scheint dann unmöglich, was direkt nötig ist), und wenn Du kannst, mach ebensolche Zeichnungen mit aller Unbedingtheit des momentanen Striches. Das alles nur als Material, das wir dann hier sichten, besprechen und mit den natürlichen Bruchstellen aneinandersetzen. Du wirst sehen, es paßt. Nur viel muß es sein, so daß man es richtig vor sich ausschütten und hineingreifen kann. Je mehr, je besser. – . . . Schreib nur kurz und geize für [216] Deine Aufzeichnungen und Skizzen. (Das Hineinsehen in Häuserinneres wie in Fruchtfleisch ist mir von irgendwoher Erfahrung. Von Rom?) Sieh, sieh, sieh . . .

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Rainer Maria Rilke: Briefe aus den Jahren 1906 bis 1907.
Hrsg. von Ruth Sieber-Rilke und Carl Sieber.
Leipzig: Insel-Verlag 1930, S. 213-216. [PDF]

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

Kommentierte Ausgaben

 

 

 

Werkverzeichnis


Verzeichnisse

Ritzer, Walter: Rainer Maria Rilke. Bibliographie. Wien: Kerry 1951.

Obermüller, Paul (Bearb.): Katalog der Rilke-Sammlung Richard von Mises. Frankfurt a.M.: Insel-Verlag 1966.

Katalog der Rilke-Sammlung Cornelius Ouwehand.
URL: http://ead.nb.admin.ch/images/slgouwehand.pdf



Rilke, René Maria: Leben und Lieder. Bilder und Tagebuchblätter.
Strassburg i.E. und Leipzig: Kattentidt Jung Deutschlands Verlag o.J. [1894].
URL: http://www.galaxie-des-wissens.de/deutsch/tour_18/index.html   [Titelblatt]

Rilke, René Maria: Larenopfer.
Prag: Dominicus 1896.
URL: http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb00051933-9

Rilke, René Maria: Wegwarten. Lieder, dem Volke geschenkt.
Prag: Selbstverlag des Verfassers o.J. [1896].
PURL: http://www.literature.at/alo?objid=12108

Rilke, René Maria: Traumgekrönt. Neue Gedichte.
Leipzig: Friesenhahn 1897.
URL: https://archive.org/details/bub_gb_RnsyAQAAMAAJ

Rilke, Rainer Maria: Advent.
Leipzig: Friesenhahn 1898.
URL: http://www.deutschestextarchiv.de/rilke_advent_1898
URL: http://data.onb.ac.at/rec/AC03317374

Rilke, Rainer Maria: Mir zur Feier.
Berlin: Meyer 1899.
PURL: http://www.literature.at/alo?objid=12105

Rilke, Rainer Maria: Das Buch der Bilder.
Berlin: Juncker o.J. [1902].

Rilke, Rainer Maria: Auguste Rodin.
Berlin: Bard o.J. [1903] (Die Kunst. Sammlung illustrierter Monographien, 10).

Rilke, Rainer Maria: Worpswede.
Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Fritz Overbeck, Hans am Ende, Heinrich Vogeler.
Bielefeld u. Leipzig: Velhagen & Klasing 1903 (Künstler-Monographien, 64).
PURL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:wim2-g-604824
PURL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:6:1-164213
URL: https://archive.org/details/worpswedefritzma00rilk

Rilke, Rainer Maria: Das Stunden-Buch enthaltend die drei Bücher:
Vom mönchischen Leben / Von der Pilgerschaft / Von der Armuth und vom Tode.
Leipzig: Insel-Verlag 1905.
URL: http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb00051882-8

Rilke, Rainer Maria: Das Buch der Bilder.
Zweite sehr vermehrte Ausgabe. Berlin, Leipzig, Stuttgart: Juncker o.J. [1906].
URL: https://archive.org/details/DasBuchDerBilder2
PURL: http://www.literature.at/alo?objid=12093

Rilke, Rainer Maria: Neue Gedichte.
Leipzig: Insel-Verlag 1907.
URL: https://archive.org/details/neuegedichte00rilkgoog

Rilke, Rainer Maria: Der Neuen Gedichte anderer Teil.
Leipzig: Insel-Verlag 1908.
PURL: http://www.literature.at/alo?objid=12096   [1918]

Rilke, Rainer Maria: Die frühen Gedichte.
Des Buches "Mir zur Feier" zweite Auflage.
Leipzig: Insel-Verlag 1909.
URL: https://archive.org/details/3542796

Rilke, Rainer Maria: Requiem.
Leipzig: Insel-Verlag 1909.
URL: http://data.onb.ac.at/rec/AC06504523

Rilke, Rainer Maria: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge.
Erstes Bändchen. Leipzig: Insel-Verlag 1910.
URL: http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb00087913-3

Rilke, Rainer Maria: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge.
Zweites Bändchen. Leipzig: Insel-Verlag 1910.
URL: http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb00087914-8

Rilke, Rainer Maria: Erste Gedichte.
Leipzig: Insel-Verlag 1913.
URL: http://katalogplus.ub.uni-bielefeld.de/title/62943
URL: http://data.onb.ac.at/rec/AC06452995

Rilke, Rainer Maria: Das Marien-Leben.
Leipzig: Insel-Verlag o.J. [1913] (Insel-Bücherei, 43).
URL: https://archive.org/details/3545127

Rilke, Rainer Maria: Duineser Elegien.
Leipzig: Insel-Verlag 1923.
PURL: http://www.literature.at/alo?objid=12099

Rilke, Rainer Maria: Die Sonette an Orpheus.
Geschrieben als ein Grab-Mal für Wera Ouckama Knoop.
Leipzig: Insel-Verlag 1923.
URL: https://katalogplus.ub.uni-bielefeld.de/title/2033157/
PURL: http://www.literature.at/alo?objid=12098

 

 

 

Literatur

Baer, Ulrich: The status of the correspondence in Rilke's work. In: The Cambridge Companion to Rilke. Hrsg. von Karen Leeder u.a. Cambridge 2010, S. 27-38.

Brandmeyer, Rudolf: Poetiken der Lyrik: Von der Normpoetik zur Autorenpoetik. In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Hrsg. von Dieter Lamping. 2. Aufl. Stuttgart 2016, S. 2-15.

Engel, Manfred: Rainer Maria Rilkes 'Duineser Elegien' und die moderne deutsche Lyrik. Zwischen Jahrhundertwende und Avantgarde. Stuttgart 1986 (= Germanistische Abhandlungen, 58).
S. 103-119: "Vorwand" – "Kunstding" – "Figur": Rilkes frühe und mittlere Poetik.

Fischer, Luke: The Poet as Phenomenologist. Rilke and the New Poems. New York 2015 (= New Directions in German Studies, 10).

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Lawrence, Kansas 1978 (= University of Kansas publications; Library series, 41).
URL: http://hdl.handle.net/1808/5879

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Honold, Alexander / Wirtz, Irmgard M. (Hrsg.): Rilkes Korrespondenzen. Göttingen 2019 (= Beide Seiten. Autoren und Wissenschaftler im Gespräch, 6).

Horn, Anette / Horn, Peter: "Ich lerne sehen". Zu Rilkes Lyrik. Oberhausen 2010 (= Beiträge zur Kulturwissenschaft, 20).

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Kramer, Andreas: Rilke and modernism. In: The Cambridge Companion to Rilke. Hrsg. von Karen Leeder u.a. Cambridge 2010, S. 113-130.

Marx, Bernhard: "Meine Welt beginnt bei den Dingen". Rainer Maria Rilke und die Erfahrung der Dinge. Würzburg 2015.

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Painter, Kirsten B.: Flint on a Bright Stone. A Revolution of Precision and Restraint in American, Russian, and German Modernism. Stanford, Calif. 2006.

Ryan, Judith: Rilke, Modernism and Poetic Tradition. Cambridge u.a. 1999 (= Cambridge Studies in German).

Schnack, Ingeborg: Rainer Maria Rilke. Chronik seines Lebens und seines Werkes 1875 – 1926. Erweiterte Neuausgabe hrsg. von Renate Scharffenberg. Frankfurt a.M. 2009.

Schuhmann, Klaus: Lyrik des 20. Jahrhunderts. Materialien zu einer Poetik. Reinbek bei Hamburg 1995 (= rowohlts enzyklopädie, 550).

Schuster, Jörg: "Kunstleben". Zur Kulturpoetik des Briefs um 1900 – Korrespondenzen Hugo von Hofmannsthals und Rainer Maria Rilkes. Paderborn 2014.

Storck, Joachim W.: Das Briefwerk. In: Rilke-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg. von Manfred Engel. Stuttgart u.a. 2004, S. 498-506.

Vilain, Robert: The Poetry of Hugo von Hofmannsthal and French Symbolism. Oxford 2000 (= Oxford Modern Languages and Literature Monographs).
Vgl. S. 129-130.

 

 

Edition
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