Willy Rath

 

 

Die moderne deutsche Lyrik.

[Auszug]

 

Text
Editionsbericht
Literatur: Rath
Literatur: Tägliche Rundschau

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Anthologien: Moderne Lyrik.

 

Die jüngste Bewegung in unserer Literatur war im Wesentlichen beinah schon beendet, als durch ihr stürmisches Vordringen auf die deutsche Bühne zum ersten Mal die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf sie gelenkt wurde. Nun sind seit den ersten unmittelbaren Vorboten der "literarischen Revolution", seit den "kritischen Waffengängen" der Brüder Hart, fünfzehn Jahre vergangen, und der Sturm ist vorüber. Die Urheber und Mitkämpfer sind ruhiger, zum Theil sogar hoftheaterfähig geworden, so weit sie nicht ganz verstummt, verdorben und gestorben sind; und auf der Seite der Alten ist die grundsätzliche Gegnerschaft gegen die Jungen fast erloschen. Die Zeit zur ruhigen Betrachtung der ganzen Bewegung und zur unbefangenen Prüfung ihrer Ergenisse ist gekommen. *

Hat auch leider in unserem Land und in unseren Tagen eine literarische Umwälzung, abgesehen von beschränkt örtlicher Bedeutung, in Ansehung der Legionen stumpf Vorübereilender oder Zuschauender immer etwas vom "Sturm im Wasserglas" an sich, so wird doch heute kein wahrhaft Gebildeter mehr verkennen, daß auch die letzte Umwälzung keineswegs der willkürlichen Mache einiger Weniger zu verdanken, sondern eine durchaus normale und wichtige Naturerscheinung zu nennen ist. Von verschiedenen Seiten – man vergleiche die soeben bezeichneten Werke – ist neuerdings mit Recht darauf hingewiesen worden, daß in der Geschichte des deutschen Schriftthums während der letzten zwei Jahrzehnte ungefähr alle 30, richtiger vielleicht noch alle 20 bis 25 Jahre das Auftauchen einer neuen Richtung, d. i. eines neuen Geschlechts zu verzeichnen ist, das mehr als einmal in "Sturm und Drang" erscheint. Nur durch solche unpersönliche Betrachtung gewinnt man auch für die Gegenwart den rechten Gesichtspunkt.

Die ersten und die zahlreichen Umstürzler traten in der Lyrik auf, deren Entwicklung hier allein zu betrachten ist. Es gibt also zu untersuchen, inwiefern auf lyrischem Gebiet eine Revolution berechtigt oder nothwendig war, wie sie verlaufen ist und was sie erreicht hat.

Wäre dem einzelnen Menschen eine ebenso stete Entwicklung eigen, wie wir sie an der Gesammtmenschheit wahrzunehmen glauben, so wäre der sich immer wiederholende, mehr oder minder heftige Kampf zwischen niedergehender und aufstrebender Generation, von dem die Kämpfe der Dichter- und Malerschulen nur das Spiegelbild sind, in der That abnorm und unnatürlich. Wie der König im Märchen, da er sein Ende nahen fühlt, Krone und Szepter dem Sohn überträgt, so würde dann das alte Geschlecht friedlich das Erhaltene und Errungene den Jungen abtreten, zur weiteren Bewahrung und Mehrung.

Erfahrungsgemäß aber dauert die Fähigkeit, sich innerlich zu entwickeln, fast nie über die mittleren Mannesjahre hinaus; von da an pflegt man das Erworbene sorglich festzuhalten und rückwärts zu schauen, statt vorwärts. Stillstand ist aber bekanntlich Rückgang. Und so geschieht es oftmals, daß die Zeit Generationen überholt, noch ehe sie ihr körperliches Dasein vollendet haben.

Im politischen Leben können wir täglich diese Erfahrung bestätigt sehen; im Kunstleben jedoch erregt es die Verwunderung oder Entrüstung vieler wohlmeinender Laien, wenn die Jugend, die doch mit ihrer Zeit den natürlichsten, frischesten Zusammenhang hat, nicht ewig auf irgend eine "anerkannte" Größe der Vergangenheit schwört. Wie die einzelmenschliche Natur nun einmal beschaffen, ist der Kampf zwischen Jung und Alt nichts als natürlich, und Ausschreitungen im Kampfe sind ebenso begreiflich, wie sie bedauerlich sind.

Von unserer literarischen Revolution gilt das hier Gesagte ganz besonders. Nichts wäre ungerechter, als den Lyrikern, die den ersten positiven Vorstoß der neuen Richtung unternahmen, muthwillige Ueberhebung, Eigennutz und Radausucht vorzuwerfen. Die Folge hat bewiesen, daß sie nicht nur für sich, sondern auch für ihre Zeit sprachen, und daß ihr Vorgehen, ungeachtet alles Ungeschickten und Verkehrten, der ernsten deutschen Kunst zum Heil war.

Ehe jedoch auf die Einzelheiten eingegangen werden kann, sind einige Worte über das Allgemeine der Lyrik zu sagen. Das Wesen der lyrischen Dichtungsart ist und bleibt unmittelbarer Empfindungsausdruck. Daß sie deshalb nur der Ausdruck primitivster Gefühle sein dürfe, ist ein öfters auftrtender Irrthum.

Allgemein gültige Regeln lassen sich überhaupt für sie noch weit weniger aufstellen, als für andre Kunstformen. Der innigste Anschluß ans Volk thut ihr noth, sie ist die intimste Zeugin nationaler Eigenart; man kann also nur innerhalb einer Nation bestimmte Forderungen an sie richten. Für unser Gefühl ist beispielsweise die gefeiertste romanische Lyrik ganz unlyrisch, weil das Pathetische deutscher Art durchaus fremd ist, während es tief im romanischen Wesen wurzelt. Schwerfällig, zugeknöpft, und doch in der Tiefe liebenswürdig, das ist die deutsche Art. Rasch zärtlich oder begeistert, wortreich und redekundig, dabei doch in der Tiefe kühl, das ist die Art des Romanen. Die Phrase, unserer Lyrik Todfeind, ist demnach in der romanischen Empfindungsdichtung ein echtes Element, mit dem man dort rechnen darf und muß. Was ist uns – um einen der besten Namen zu nennen – Petrarca? Schall und Rauch, nichts weiter. Von seinen Landsleuten wird er dennoch mit Recht verehrt. Die Verschiedenheit beider Rassen läßt sich im Landschaftlichen, Geselligen, Religiösen, Politischen gleichermaßen beobachten; es ist nur natürlich, daß sie sich auch in der Lyrik äußert. Für die unsere wird also die künstlerische Wiedergabe der schlichten, verhaltenen Empfindung, der Berührung von Landschaftseele und Menschenseele, der naturvertiefenden oder -deutenden Stimmung die erste Aufgabe sein.

Indessen kann mit dieser engeren, "spezifischen", "lyrischen" oder Stimmungs-Lyrik auch für uns Deutsche das Reich des Lyrischen nicht erschöpft sein, obwohl es gewiß das engst umgrenzte ist. Die einfachen, zeitlosen Gefühle, Liebe und Haß, Freude und Schmerz, mögen allerdings die unmittelbare Grundlage bilden. Aber das lyrische Stoffbereich ganz auf wenig differenzirbare Lust- und Unlustgefühle beschränken wollen, das hieße doch am Ende die Grenzen bis unfern des Thierisch-Einfachen zurückziehen. Die großen Gegenstände der Menschheit und der Nation haben ein Recht darauf, auch in der Lyrik Würdigung zu finden. Freilich wird ausgesprochene Reflexion möglichst zu vermeiden sein, doch giebt es zwischen Reflexion und Anschauung ein neutrales Gebiet, wo es kaum klipp und klar zu entscheiden ist, was nach rechts, was nach links gehört. Ein religiöses, patriotisches oder soziales Lied kann zweifellos zur echten Lyrik zählen, wenn es auch in der Mehrzahl der praktischen Fälle leider nicht der Fall ist.

Wissenschaftlich "exakt" wird sich hier eine Norm nie aufstellen lassen. Man wird nicht weiter gehen dürfen, als daß man sagt: das Reflektive, Berichtende oder Tendenziöse darf kein Gewicht haben im Verhältniß zum Reinlyrischen, es darf keinen Druck ausüben; Empfindung und Anschauung müssen unbestritten die Herrschaft haben. In vielen Fällen wird die Entscheidung reine Gefühlssache, sein und wahrscheinlich ist der einzige zuverlässige Richter über lyrisch Echt und Unecht die Nachwelt; was "bleibt", was in den Liederschatz oder auch in den weiteren Bildungsschatz des Volkes übergeht, das ist echt.

 

 

[Fußnote, S. 478]

*) So hat Karl Busse hier und in der literarhistorischen Einleitung zu seiner Blüthenlese "Neuere deutsche Lyrik" (Halle a. S. 1895) den Gegenstand schon behandelt. Von verschiedenem Standpunkt aus befassen sich mit der gleichen Frage die ebenso vortrefflichen, anregungsreichen Studien: Adolf Bartels, Die deutsche Dichtung der Gegenwart. Die Alten und die Jungen. (Leipzig, Avenarius) und Dr. Siegmar Schultze, Wege und Ziele deutscher Literatur und Kunst (Berlin, Duncker). – Im Folgenden sind einige Einzelheiten dieser Arbeiten verwerthet.   zurück

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Tägliche Rundschau.
Unparteiische Zeitung für nationale Politik.
Unterhaltungs-Blatt für die Gebildeten aller Stände.
1897:
Nr. 120, 23. Mai, S. 478-479
Nr. 121, 25. Mai, S. 482
Nr. 122, 26. Mai, S. 485-487. [PDF]

Unser Auszug: Nr. 120, 23. Mai, S. 478.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Literatur: Rath

Brandmeyer, Rudolf: Poetiken der Lyrik: Von der Normpoetik zur Autorenpoetik. In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Hrsg. von Dieter Lamping. 2. Aufl. Stuttgart 2016, S. 2-15.

Hart, Julius: Die Entwicklung der neueren Lyrik in Deutschland.
In: Pan.
Jg. 2 (1896/97), Heft 1, Juni 1896, S. 33-40.
URL: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/pan
URL: https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/cgi-bin/bluemtn

Meyer-Sickendiek, Burkhard: Zur Kategorie der Stimmungslyrik im 19. Jahrhundert. In: Handbuch Literatur & Emotionen. Hrsg. von Martin von Koppenfels u.a. Berlin u.a. 2016, S. 343-360.

Reents, Friederike: Stimmungsästhetik. Realisierungen in Literatur und Theorie vom 17. bis ins 21. Jahrhundert. Göttingen 2015.

Schuhmann, Klaus: Lyrik des 20. Jahrhunderts. Materialien zu einer Poetik. Reinbek bei Hamburg 1995 (= rowohlts enzyklopädie, 550).

Steiner, Rudolf: Lyrik der Gegenwart. Ein Überblick. In: Die Gesellschaft. Halbmonatschrift für Litteratur, Kunst und Sozialpolitik. Jg. 15, 1899, Bd. 4:
Heft 1, [1. Oktober-Heft], S. 35-40 (I.)
Heft 2, [2. Oktober-Heft], S. 92-97 (II.)
Heft 4, [2. November-Heft], S. 238-244 (III.)
Heft 5, [1. Dezember-Heft], S. 317-323 (IV.)
Heft 6, [2. Dezember-Heft], S. 377-388 (V.).
URL: https://archive.org/details/bub_gb_P8vlAAAAMAAJ

Zymner, Rüdiger: Theorien der Lyrik seit dem 18. Jahrhundert. In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Hrsg. von Dieter Lamping. 2. Aufl. Stuttgart 2016, S. 23-36.

 

 

Literatur: Tägliche Rundschau

Dussel, Konrad: Deutsche Tagespresse im 19. und 20. Jahrhundert. Münster 2004.

Henske, Werner: Das Feuilleton der "Täglichen Rundschau" (betrachtet im Zeitabschnitt 1881 – 1905). Bleicherode am Harz 1940.

Stöber, Rudolf: Deutsche Pressegeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 3. Aufl. Konstanz u. München 2014.

Streim, Gregor: Feuilleton an der Jahrhundertwende. In: Die lange Geschichte der kleinen Form. Beiträge zur Feuilletonforschung. Hrsg. von Kai Kauffmann. Berlin 2000, S. 122-141.

 

 

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