Heinrich Heine

Brief an Wilhelm Müller

 

 

Text
Editionsbericht
Literatur

 

H a m b u r g , 7. Juni 1826.      

Ich ergreife die Gelegenheit, Ihnen bei Übersendung meiner Reisebilder einige Worte des Herzens zukommen zu lassen. Ich hätte Ihnen schon längst schreiben und Ihnen danken sollen für die liebevolle Aufnahme, welche meine Tragödien und Lieder bei Ihnen gefunden. Aber ich wollte warten, bis die trüben Nebel, die meine Seele umhüllten, in etwas zerronnen – ich war nämlich lange Zeit krank und elend. Jetzt bin ich es kaum noch zur Hälfte und ein solcher Zustand könnte auf dieser Erde vielleicht schon Glück genannt werden. Mit der Poesie geht es noch besser und ich hege viele freudige Hoffnungen für die Zukunft. "Die Nordsee" gehört zu meinen letzten Gedichten und Sie erkennen daraus, welche neue Töne ich anschlage und in welchen neuen Weisen ich mich ergehe. Ich bin groß genug, Ihnen offen zu bekennen, daß mein kleines Intermezzo-Metrum nicht blos zufällige Ähnlichkeit mit Ihrem gewöhnlichen Metrum hat, sondern daß es wahrscheinlich seinen geheimsten Tonfall Ihren Liedern verdankt, indem es die lieben Müller'schen Lieder waren, die ich zu eben der Zeit kennen lernte, als ich das Intermezzo schrieb. Ich habe sehr früh schon das deutsche Volkslied auf mich einwirken lassen, späterhin, als ich in Bonn studirte, hat mir August Schlegel viel metrische Geheimnisse aufgeschlossen, aber ich glaube erst in Ihren Liedern den reinen Klang und die wahre Einfachheit, wonach ich immer strebte, gefunden zu haben. Wie rein, wie klar sind Ihre Lieder und sämmtlich sind es Volkslieder. In meinen Gedichten hingegen ist nur die Form einigermaßen volksthümlich, der Inhalt gehört der conventionnellen Gesellschaft. Ja, ich bin groß genug, es sogar bestimmt zu wiederholen, und Sie werden es mal öffentlich ausgesprochen finden, daß mir durch die Lecture Ihrer 77 Gedichte zuerst klar geworden, wie man aus den alten, vorhandenen Volksliedformen neue Formen bilden kann, die ebenfalls volksthümlich sind, ohne daß man nöthig hat, die alten Sprachholperigkeiten und Unbeholfenheiten nachzuahmen. Im zweiten Theile Ihrer Gedichte fand ich die Form noch reiner, noch durchsichtig klarer – doch, was spreche ich viel von Formwesen, es drängt mich mehr, Ihnen zu sagen, daß ich keinen Liederdichter außer Goethe so sehr liebe wie Sie. Uhland's Ton ist nicht eigenthümlich genug und gehört eigentlich den alten Gedichten, woraus er seine Stoffe, Bilder und Wendungen nimmt. Unendlich reicher und origineller ist Rückert, aber ich habe an ihm zu tadeln Alles was ich an mir selbst tadle: wir sind uns im Irrthum verwandt, und er wird mir oft so unleidlich, wie ich es mir selbst werde. Nur Sie, Wilhelm Müller, bleiben mir also rein genießbar übrig, mit Ihrer ewigen Frische und jugendlichen Ursprünglichkeit. Mit mit selbst, wie gesagt, steht es schlecht, und hat es als Liederdichter wol ein Ende, und das mögen Sie selbst fühlen. Die Prosa nimmt mich auf in ihre weiten Arme und Sie werden in den nächsten Bänden der Reisebilder viel prosaisch Tolles, Herbes, Verletzendes und Zürnendes lesen. Absonderlich Polemisches. Es ist eine gar zu schlechte Zeit, und wer die Kraft und den freien Muth besitzt, hat auch zugleich die Verpflichtung, ernsthaft in den Kampf zu gehen gegen das Schlechte, das sich so aufbläht, und gegen das Mittelmäßige, das sich so breit macht, so unerträglich breit.

Ich bitte, bleiben Sie mir gewogen, werden Sie nie irre an mir, und laßt uns in gemeinschaftlichem Streben alt zusammen werden. Ich bin eitel genug, zu glauben, daß mein Name einst, wenn wir Beide nicht mehr sind, mit dem Ihrigen zusammengenannt wird – darum laßt uns auch im Leben liebevoll verbunden sein. Ich will nicht überlesen, was ich an Sie geschrieben; ich habe nur der Feder raschen Lauf gelassen, während ich an Sie dachte, und ich liebe Sie zu sehr, um lange zu überdenken, ob ich Ihnen zu wenig oder zu viel sage.

        Ihr sehr ergebener       H. H e i n e.

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Blätter für literarische Unterhaltung.
1845, Nr. 227, 15. August, S. 910.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).


Blätter für literarische Unterhaltung   online
PURL: http://digital.slub-dresden.de/id390927252
URL: https://catalog.hathitrust.org/Record/100319397
URL: https://de.wikisource.org/wiki/Zeitschriften_(Literatur)#B


Blätter für literarische Unterhaltung   inhaltsanalytische Bibliographie
Alfred Estermann: Inhaltsanalytische Bibliographien deutscher Kulturzeitschriften des 19. Jahrhunderts - IBDK.
Band 9; 5 Teile: Blätter für literarische Unterhaltung (1826-1850 [-1898]). München u.a. 1996.

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

Kommentierte und kritische Ausgabe

 

 

 

Literatur

Bierwirth, Sabine: Heines Dichterbilder. Stationen seines dichterischen Selbstverständnisses. Stuttgart u.a. 1995 (= Heine-Studien).

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Goltschnigg, Dietmar u.a. (Hrsg.): Heine und die Nachwelt. Geschichte seiner Wirkung in den deutschsprachigen Ländern. Texte und Kontexte, Analysen und Kommentare. 3 Bde. Berlin 2006/11.

Hauke, Petra-Sybille: Literaturkritik in den Blättern für literarische Unterhaltung 1818 – 1835. Stuttgart u.a. 1972 (= Studien zur Poetik und Geschichte der Literatur, 27).

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Kerschbaumer, Sandra: Heines moderne Romantik. Paderborn u.a. 2000.

Martus, Steffen u.a. (Hrsg.): Lyrik im 19. Jahrhundert. Gattungspoetik als Reflexionsmedium der Kultur. Bern u.a. 2005 (= Publikationen zur Zeitschrift für Germanistik, 11).

Müller, Wolfgang G.: Art. Brief. In: Handbuch der literarischen Gattungen. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart 2009, S. 75-83.

Neymeyr, Barbara: Der nostalgische Avantgardist. Heinrich Heines ambivalentes Verhältnis zur Romantik. In: Heinrich Heine. Neue Lektüren. Hrsg. von Werner Frick. Freiburg i. Br. 2011 (= Rombach Wissenschaften; Reihe Litterae, 182), S. 47-71.

Nickisch, Reinhard M. G.: Brief. Stuttgart 1991 (= Sammlung Metzler, 260).

Oesterle, Günter: Der kühne Wechsel von Volksliedton und Konversationston in Heines "Buch der Lieder". In: Heinrich Heine. Ein Wegbereiter der Moderne. Hrsg. von Paolo Chiarini u. Walter Hinderer. Würzburg 2009, S. 67-78.

Perraudin, Michael: Heine and Wilhelm Müller, a Poetic Relationship. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 222 (1985), S. 22-46.

Reeves, Nigel: The Art of Simplicity: Heinrich Heine and Wilhelm Müller. In: Oxford German Studies 5 (1970), S. 48-66.

 

 

Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer